Der große Bluff

TeilensWERT

Die digitale Vernetzung aller Lebensbereiche schafft eine neue Ökonomie des Teilens. Die Chance für ein nachhaltigeres und effizienteres Leben und Arbeiten ist da – wir müssen sie nur ergreifen.

Die besten Ideen sind oft aus der Not geboren. So auch bei Casey Fenton, einem Programmierer aus New Hampshire. 1999 ergatterte der 21-Jährige einen günstigen Flug von Boston nach Island. Was ihm noch fehlte, war eine Unterkunft. Also hackte sich Fenton in das Netzwerk der Universität in Reykjavik und fragte 1.500 Studenten per E-Mail nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er bekam mehr als 50 Angebote und kam schließlich bei einem Rhythm-and-Blues-Sänger unter. Begeistert von der Erfahrung, fasste Fenton noch auf dem Rückflug die Idee, eine Website zu starten, über die sich Reisende vernetzen, sich gegenseitig einen kostenlosen Schlafplatz oder als Stadtführer anbieten können. 2004 ging couchsurfing.com online. Die Plattform zählt heute rund 15 Millionen Mitglieder aus aller Welt. Zusammen mit Wikipedia (2001, Wissen) und Facebook (2004, Kontaktpflege) war Couchsurfing eine der ersten Plattformen, die aus einer neuen Kultur des Teilens entstand. Diese Sharing Culture nutzt die einmaligen Qualitäten des Internets für ihre Zwecke: Jeder, der über die technische Infrastruktur verfügt, kann etwas zum Netzwerk beitragen und jeder kann an diesen Beiträgen teilhaben – und das praktisch kostenlos.

Teilen und Trotzdem haben

Parallel zur digitalen Vernetzung durchdringt die Sharing-Philosophie immer mehr Lebensbereiche. Milliarden Menschen produzieren und teilen Videos, Musik, Enzyklopädie-Einträge, Wohnungen, Autos und sogar erneuerbare Energien, die sie selber erzeugen. Laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) nutzen in Deutschland bereits mehr als 50 Prozent der Verbraucher Sharing-Angebote, der Umsatz soll 2018 im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent wachsen, auf rund 24 Milliarden Euro. Weltweit soll er im Jahr 2025 bei rund 335 Milliarden Euro liegen. Neben der Sharing Culture, bei der es eher um gemeinwohlorientiertes Teilen und Teilhabe ohne vorranging kommerzielle Ziele geht, steht die klar geschäftsorientierte Sharing Economy. Die beiden Konzepte lassen sich nicht immer scharf trennen. Viele Projekte der Sharing Culture starten als Non-Profit-Projekt, legen sich aber früher oder später ein Geschäftsmodell zu, auch um die Anforderungen an Nutzer-Service, Datenpflege oder App-Entwicklung stemmen zu können. Beide Ansätze beruhen aber auf demselben Prinzip. „In der kollaborativen Welt geht es weniger um Besitz und mehr um Zugang. Käufer und Verkäufer weichen einem System von Anbietern und Nutzern. Konsumenten werden zu Prosumenten“, sagt der Wirtschafts- und Sozialtheoretiker Jeremy Rifkin. „Dank der Infrastruktur des Internets der Dinge und zunehmender Automation steigt die Produktivität so weit, dass die Kosten für eine stetig wachsende Bandbreite an Dienstleistungen, Waren und deren Distribution gegen null sinken“, sagt Jeremy Rifkin. Dieser Paradigmenwechsel fordert die Geschäftsmodelle vieler Branchen heraus und zwingt sie zur Anpassung: Die Musikindustrie sah sich mit digitalen Tauschbörsen und Künstlern konfrontiert, die sich über YouTube selbst vermarkten, und nutzt nun ihrerseits digitale Vertriebswege. Den großen Energiekonzernen mit ihren Kohle- und Kernkraftwerken stehen viele dezentrale, kleinere Energieerzeuger gegenüber, die als Privatperson eine Photovoltaikanlage auf dem Hausdach oder als dörfliche Genossenschaft einen Windpark zu immer geringeren Kosten betreiben können. Vor allem die Mobilitätsbranche ist im Umbruch, kämpft auf neuem Gebiet um Marktanteile: Die Deutsche Bahn, Daimler und BMW engagieren sich im Carsharing-Markt, Ford bietet Bikesharing an. „Autohersteller müssen abwägen, ob es ihnen nützt oder schadet, beim Carsharing mitzuziehen, denn jedes geteilte Auto ersetzt 15 Fahrzeuge im persönlichen Besitz“, so Rifkin. Autonom fahrende Taxis werden den Besitz eines Autos ohnehin bald komplett überflüssig machen, prophezeit der US-Amerikaner.

Sozialleben ersetzt Statussymbole

Eine Motivation für mehr Tauschkultur im privaten wie gewerblichen Sektor ist die Notwendigkeit, Ressourcen zu schonen, sei es aus wirtschaftlichen oder ökologischen Gründen. Die Treiber der Share Economy sind heute die unter 40-Jährigen, so die PwC-Studie. Vielen ist Eigentum zunehmend schweres Gepäck, das sie in ihrer privaten wie beruflichen Flexibilität behindert. Statussymbole und Gewinnmaximierung verlieren an Bedeutung, Sozialleben wird wichtiger. Zudem hoffen insbesondere die unter 30-Jährigen, via Sharing Economy einen Beitrag zu Ressourcenschonung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu leisten, ohne auf Konsum und Lebensqualität verzichten zu müssen. Die Generation der Millennials und Digital Natives ist mit dem Klimawandel, einer globalisierten Arbeitswelt, sozialen Medien und der Digitalisierung aufgewachsen. Das Konzept „Teilen statt Kaufen“ erscheint ihnen und allen folgenden Generationen nur natürlich. Aktuell macht das Teilen von Maschinen nur zehn Prozent am Sharing-Economy-Markt aus. Das Internet der Dinge, Big Data und 3-D-Druck können jedoch eine Tauschkultur unter Industriebetrieben beflügeln. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung erforscht im Projekt „WICE“, wie Unternehmen etwa aus dem Maschinen- und Anlagenbau untereinander gewinnbringende Tauschbeziehungen eingehen können. In dieser industriell-kollaborativen Wirtschaft gehen Produkte selten in den Besitz des Kunden über. Gesteuert über einen Web-Dienst, werden sie nur noch temporär von einem oder parallel von mehreren Kunden genutzt – Leasing, Sharing, Pooling lauten die Stichworte. Denkbar sind mobile Vor-Ort-Produktionsanlagen oder Online-Leasing-Börsen, auf denen Unternehmen eigene Maschinen, Werkzeuge oder ganze Fertigungsanlagen anderen Betrieben gegen Bezahlung oder Tausch anbieten. Laut Jeremy Rifkin wird sich das geltende Prinzip von zentralen Produktionsstätten und langen Vertriebsketten auflösen, vor allem dank 3-D-Druckern. Die werden immer erschwinglicher. Weltweit wächst das Netzwerk der sogenannten FabLabs, Fabrikationslabore, betrieben von Unternehmen, Privatpersonen, Gemeinden oder Universitäten. Hier kann jeder unter Anleitung und dem Motto „Fast alles ist möglich“ 3-D-Drucker, Laser-Cutter, computergesteuerte Pressen und Fräsen nutzen – sei es zur Prototypenfertigung, für eine Kleinserie oder nur, um ein Ersatzteil herzustellen. Die Druckdaten sind meist quelloffen, werden kollaborativ entwickelt, über Web-Plattformen wie Thingiverse global geteilt und auf Online-Marktplätzen wie Shapeways, Etsy oder Taobao gehandelt. Der offene Charakter der FabLabs trifft den Nerv der Sharing Culture: Produktionstechnologien und -wissen werden für jeden zugänglich, auch dort, wo dies bisher mangels Bildung, Geld und Infrastruktur schwierig war. In Indien, Asien oder Afrika helfen FabLabs bereits, lokale Probleme zu lösen und die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen. In den Industrienationen beginnt sich 3-D-Druck als Produktionsmittel zu etablieren: Orthopädietechniker fertigen so Prothesen, der Autohersteller Bugatti druckt Bremssättel aus Titan und im niederländischen Eindhoven entstehen im Projekt Milestone derzeit fünf Häuser im Beton-3-D-Druck, die den örtlichen Bauvorschriften genügen.

Teilen ohne Grenzen?

Bei allen Chancen hat die Sharing Economy ihre Schattenseiten. Ein Grundgedanke des Sharings ist es, große Besitztümer möglichst allen zugänglich zu machen, indem man sich die Kosten teilt. Doch der Vision einer lebenswerteren, sozialeren, gemeinwohlorientierteren Welt stehen neue Konflikte und die Gefahr der Selbstausbeutung gegenüber. „Die Ökonomie des Teilens dient oft nur dazu, nicht genutzte Kapazitäten von Wohnungen, Autos oder Arbeitskraft noch besser verwerten und effizienter nutzen zu können“, sagt etwa Rachel Botsman, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Oxford. Es werde kapitalisiert, was dem Markt bisher entzogen war. Plattformen wie Uber und Lyft (Fahrdienste), Airbnb und booking.com (Unterkünfte) vernetzen Millionen Nutzer mit Anbietern, die wie Einzelunternehmer die Vermarktung der eigenen Ressourcen betreiben. Das setzt nicht nur die Taxiunternehmen und die Hotelbranche unter Druck. Auch Errungenschaften des Arbeits- und Verbraucherrechts sind in Gefahr. Die massenhafte Vermarktung von Wohnraum über Airbnb hat in Großstädten bereits zur Verknappung von regulären Mietangeboten, zu steigenden Lebenshaltungskosten und einer touristenfeindlichen Stimmung unter den Bürgern geführt. Nach Protesten haben etwa Amsterdam, Barcelona und Berlin den Markt reguliert. Solche Entwicklungen sind weit weg von der ursprünglichen, auf Vertrauen basierenden Vision der Sharing Culture, die Casey Fenton einst zu Couchsurfing inspirierte. Die neue Kultur des Teilens ist da. Offenbar müssen wir nur lernen, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.

Picture credits: U.S. Geological Survey and NASA