Der große Bluff

Teilen braucht Mut

Das Thema Sharing Economy erlebt seine erste große Blüte, digitale Handelsplattformen sind allgegenwärtig. Teilen statt Besitzen lautet das Credo. Das gilt auch für das Wissen von Unternehmen: Sie müssen sich zusammentun, um sich auf Wettbewerber vorzubereiten, die sie noch gar nicht kennen.

Herr Dr. Fübi, wie sehen Sie die Sharing Economy?

Für mich steht im Zentrum die Idee der geteilten Nutzung von Ressourcen. Das ist ein Gedanke, der uns bei TÜV Rheinland sehr gut gefällt. Denn nur, wenn wir nachhaltig mit den knappen Ressourcen umgehen, werden wir auch einer wachsenden Weltbevölkerung Zugang hierzu ermöglichen können. Ganz neu ist die Idee des Teilens nicht. Schließlich gab es schon zu meinen Studentenzeiten Mitfahrzentralen. Doch erst die digitale Vernetzung hat die Sharing Culture möglich gemacht, wie wir sie heute kennen. Ich spreche bewusst von Sharing Culture. Denn viele Plattformen sind zunächst gar nicht mit dem Ziel gegründet worden, damit Geld zu verdienen.

Mit welchen Folgen?

Ganze Branchen kämpfen mit Plattformen, die selbst kaum investieren müssen. Prominente Beispiele sind Airbnb und Uber – keine eigenen Hotels, keine eigenen Taxis, aber trotzdem Wettbewerber, die ganz erheblichen Druck auf etablierte Unternehmen ausüben. Andererseits unterliegen kommerzielle Angebote in der Sharing Economy den gleichen Anforderungen, die Kunden allgemein stellen: Die Qualität muss stimmen. Sonst schwindet das Vertrauen in die Marke. Bei der Qualitätssicherung hilft TÜV Rheinland. Daher sind die Plattformen für uns eine interessante Kundengruppe.

TÜV Rheinland ist bei dem Thema „Teilen“ in verschiedenen Bereichen aktiv. Sie unterstützen Start-ups bei ihrem Weg in den Markt.

Das ist richtig. Hier kann man wirklich sagen: Je mehr wir teilen, desto mehr bekommen wir. Denn nicht nur die Start-up-Unternehmen profitieren von unserem Know-how und unserer Erfahrung. Wir profitieren auch von ihnen, von neuen Ideen. Innovation und Digitalisierung sind wesentliche Bestandteile unserer Unternehmensstrategie. Deshalb hat die Förderung innovativer Geschäftsideen und digitaler Geschäftsmodelle einen großen Stellenwert bei uns.

Ist TÜV Rheinland damit selbst schon Teil der Sharing Culture?

Wir wissen, dass wir unser Wissen mit anderen teilen müssen – nicht nur innerhalb des Unternehmens. Einige Themen sind heute so komplex, dass man sie nur in einer gemeinsamen Anstrengung angehen kann. So, wie das heute schon Automobilhersteller tun, etwa bei Elektromobilität. Manche Herausforderung kann kein Hersteller im Alleingang bewältigen. Praktisch jede Branche konkurriert schon jetzt mit den disruptiven Ideen, die wir noch nicht kennen. Dieses Teilen braucht Mut, braucht die entsprechende Kultur im Unternehmen. Auch wir haben uns auf diesen Weg gemacht.

Geht es bitte etwas konkreter?

Gerne. Als wir vor über 140 Jahren gegründet wurden, war der TÜV ein erstes Unternehmen der Shared Economy. Die Experten kamen aus unterschiedlichen Unternehmen, um das gemeinsame Wissen zum Nutzen der ganzen Industrie einzusetzen. Das Ziel ganz klar: Ressourceneffizienz in jeder Hinsicht erreichen. Wir stellen Experten und Wissen zur Verfügung – beides brauchen Unternehmen zwingend, aber nicht jedes kann beides für sich bereithalten.

Picture credits: TÜV Rheinland/Katrin Denkewitz