Der große Bluff

Jeder sollte Spender sein

In Deutschland warten über Zehntausend Menschen auf ein neues Organ. Doch die Organspenderzahlen sind so niedrig wie nie zuvor. Professor Dr. Christian Hugo kämpft deshalb für eine neue Kultur der Organspende.

Herr Professor Hugo, mit 46,9 Spendern pro eine Million Einwohner war Spanien 2017 weltweit führend bei der Organspende. In Deutschland waren es nur 9,7 Spender pro eine Million Einwohner. Was ist das Problem?

Leider haben wir ein organspendefeindliches Umfeld. Das Gesetz macht die Organspende nicht zum Standard, sondern zur großen Ausnahme: Patienten und Angehörige werden lediglich angeregt, Spender zu sein. Entscheiden müssen sie sich trotz gesetzlicher „Entscheidungslösung“ nicht. Dafür müssen dann stellvertretend die Angehörigen in ihrer schwierigsten Stunde zumeist unwissend entscheiden, wie ihr verstorbener Nächster wohl über die Spende seiner Organe gedacht hat. Viele Länder, auch Spanien, haben längst die Widerspruchslösung. Dort müssen sich die Bürger verbindlich für oder gegen die Organspende aussprechen. Das erhöht natürlich die Zahl möglicher Spender. Der Hirntod, bei dem die anderen Organe noch arbeiten, ist als Voraussetzung für eine Spende zudem extrem selten. Dies trägt dazu bei, dass in den Krankenhäusern oft gar nicht daran gedacht und abgeklärt wird, ob eine Spende möglich wäre. Dazu kommen der Effizienzdruck, Patientenverfügungen, in denen nichts zur Organspende steht, und bisweilen ein fehlendes Bewusstsein des Personals. In Summe haben wir deshalb in Deutschland pro Jahr nur rund 800 Organspenden, obwohl hier jedes Jahr über 900.000 Menschen sterben.

Wie lassen sich mehr Menschen zur Organspende motivieren?

Wir brauchen eine öffentliche Debatte zur Förderung der Organspende. Natürlich wollen sich die wenigsten mit dem eigenen Tod beschäftigen. Auch deshalb ist eine gesetzliche Widerspruchsregelung der bessere Weg. Jeder muss sich wenigstens einmal mit der Organspende auseinandersetzen. Das verankert sie im gesellschaftlichen Wertesystem. In Ländern mit einer Widerspruchslösung ist die Organspende nicht mehr ein außergewöhnlicher, altruistischer Akt von ganz wenigen Personen, sondern eher Normalität.

Was spricht gegen die Widerspruchslösung?

Nichts. Ein Gegenargument ist die angebliche Bevormundung, die Fremdbestimmung über den eigenen Körper. Die Widerspruchslösung lässt aber jedem jederzeit die volle Entscheidungsfreiheit. Gefordert ist nur, dass man sich entscheidet. Das ist ein legitimer Weg, finde ich. Selbst die liberalen Niederlande haben die Regelung jüngst eingeführt, und dort wurden vorher fast doppelt so viele Organe transplantiert wie in Deutschland. Noch ein Argument: Das neue Gesetz alleine löst nicht die Probleme in den Kliniken im Erkennen hirntoter Patienten und im Realisieren der Organspende. Das ist zwar richtig, aber meiner Meinung nach wird es allen Beteiligten genau bei diesen Prozessen helfen, weil die Organspende dann anders verankert ist. Die Widerspruchslösung hilft, den wahren Willen des Verstorbenen zum Umgang mit seinem Körper zu berücksichtigen.

30 Prozent der Organspenden sind Lebendspenden. Wie lässt sich diese Zahl erhöhen?

Eine überlegenswerte Idee ist die Kreuzspende. Wenn Partner oder Verwandte untereinander nicht spenden können, führen sie mit einem anderen Pärchen aus Spender und Empfänger eine sogenannte Cross-over-Spende durch. In den USA gibt es bereits ein offizielles Pool-System, das passende Spender- und Empfängerpaare zusammenbringt. Je größer der Pool, desto besser funktioniert das System. In Deutschland haben wir hierzu leider keine eindeutige juristische Regelung. Manche Patienten weichen daher ins Ausland aus, etwa nach Spanien, um an einer Kreuzspende teilzunehmen.

Transplantierbare Organe sind selten. Wie kann eine gerechte Verteilung gelingen? Laut Gesetz sind Dringlichkeit und Erfolgsaussichten die entscheidenden Kriterien für die Organvergabe. Doch beides ist häufig nur schwer in Einklang zu bringen. Eine seltene, junge Spenderniere kann einem jungen, vergleichsweise gesunden Patienten 30 Jahre dienen, einem älteren, schwer kranken Patienten vielleicht deutlich weniger als zehn Jahre. Wer soll das wertvolle Organ nun bekommen? Den Ärzten stellen sich schwierige ethische Fragen, die wir als Gesellschaft beantworten müssen. In den USA etwa gibt es ein lange öffentlich diskutiertes und in den letzten Jahren neu eingeführtes Punktesystem, mit dem ein qualitativ besseres bzw. jüngeres Organ häufiger jüngeren Patienten zugeteilt wird. Angloamerikanische Länder berücksichtigen in ihrem Zuteilungssystem die Erfolgsaussichten traditionell stärker als wir in Deutschland.

Picture credits:TÜV Rheinland/Franziska Pilz