Der große Bluff

Gestatten, Homo empathicus

Eigennützig, kooperativ, aufopfernd – jede menschliche Verhaltensweise hat ihren Sinn. doch für die Verhaltensbiologin Dr. Sabine Tebbich ist es die Fähigkeit zur Kooperation, die den Menschen zur sozialsten und erfolgreichsten Spezies des Planeten macht.

Im freien Willen unterscheidet sich der Mensch vom Tier, heißt es. Das stimmt nicht ganz. Denn eigentlich hat die Evolution uns nur drei Handlungsoptionen gegeben: Eigennutz, Kooperation und Altruismus. Ständig leben und agieren wir im Spannungsfeld dieser Verhaltensweisen. Die Kooperation hat sich jedoch als die erfolgreichste Strategie zum Überleben des Individuums und seiner Gemeinschaft entpuppt. „Kein Lebewesen ist so sozial, so kooperativ wie der Mensch, vor allem über die familiären, genetischen Bande hinaus. Das hat maßgeblich zum Erfolg unserer Art beigetragen“, sagt die Wiener Verhaltensbiologin Dr. Sabine Tebbich. Aus evolutionärer Sicht hat sich Kooperation als Strategie gegen Ressourcenmangel und schlechte Lebensbedingungen entwickelt. Geteiltes Handeln und Teilen war und ist ein Überlebensvorteil. Einst erhöhte die gemeinsame Jagd benachbarter Familien die Chance auf Beute und damit auf das Überleben des Einzelnen. Heute können sich zumindest theoretisch über 7,5 Milliarden Erdenbewohner vernetzen, um Ressourcen, Waren und Dienstleistungen für alle gewinnbringend nutzbar zu machen.

Die Frage ist damals wie heute: Wie können hyperkooperative Konstrukte – von der Kindergartengruppe bis zum Staatenbund – stabil bleiben? Denn in einer Gemeinschaft hat auch derjenige wenigstens kurzfristig einen Vorteil, der eigennützig, also auf Kosten der anderen handelt. „Der Mensch hat regulierende Mechanismen entwickelt. Etwa das Gefühl für Fairness und den starken persönlichen Ärger bis hin zur sozialen Ächtung, wenn ein kooperativer Vertrag gebrochen wird“, so Tebbich. Ihren Studenten nennt sie gerne das Beispiel der Wohngemeinschaft, in der ein Mitbewohner den Putzplan nicht erfüllt. Ein eigentlich harmloses Szenario mit gewaltigem Konfliktpotenzial. Neben Sanktionen fördern soziale Konstrukte wie Freundschaften die Kooperationswilligkeit. „Soziale Interaktion ist hochkomplex. Ständig sind Kosten und Nutzen des eigenen Tuns, Schuld und Guthaben zu bewerten. Die Freundschaft als Beziehung ist hier eine emotionale Unterstützung, in der nichts mehr gegeneinander aufgerechnet werden muss“, sagt Sabine Tebbich.

Kein Altruismus ohne Belohnung

Als besonders uneigennützig und edel gilt Altruismus: Man nimmt Kosten auf sich, um anderen zu helfen. Aber: „Altruismus ist nie selbstlos. Man spekuliert, wenn auch nur unterbewusst, auf einen Vorteil, der sich früher oder später für einen selbst ergibt. Das ist ein Motivationsmechanismus. Evolutionär ist es sinnvoll, Gutes zu tun“, sagt Tebbich. Ein Blutspender etwa gewinnt an Reputation und wird von Glückshormonen mit dem befriedigenden Gefühl der Gewissheit belohnt, etwas Gutes getan, etwas geteilt zu haben.

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