Der große Bluff

Der Know-how-Verteiler

Produkte, Dienstleistungen, ganze Branchen müssen sich in Zeiten des digitalen Wandels neu erfinden. Wenn das Know-how dazu in der Firma fehlt, schaffen Interimsmanager wie Dr. Ulrich Lehmann Abhilfe. Mal als Projektleiter, mal in geschäftsführender Position. als Mitbegründer der Vermittlungsplattform proINject macht Lehmann das Arbeitsmodell für andere Interimsmanager transparenter und zugänglicher.

Herr Dr. Lehmann, Sie sind ein hochqualifizierter Manager, der auf Interimsbasis arbeitet. Warum teilen Sie Ihr Know-how lieber, anstatt in einer Festanstellung zu arbeiten?

Ich berate nicht nur und gebe Empfehlungen ab, sondern leite als Interimer auch die Umsetzung an. Mich begeistert, immer neue Projekte anzugehen, neue Lösungen zu finden. Als Interimer bin ich außerdem immer strikt der Sache verpflichtet und kann unabhängig von internen Seilschaften arbeiten, Projekte zum Erfolg führen und Wissen weitergeben.

Wie bleibt Ihr Wissen in der Firma?

Bei einem typischen Mandat sorgt der Kunde für regelmäßige Review-Zyklen, für Schnittstellen, an denen das Wissen auf Mitarbeiter des Unternehmens übergeht. Gängig ist auch sogenanntes Pairing: Ein Mitarbeiter der Firma begleitet mich und soll so Methodiken erlernen.

Sie sind in verschiedenen Firmen tätig, gehen als Branchenspezialist auch bei Konkurrenten ein und aus. Wann wird das zum Konflikt?

Ein Interimer bietet Fachwissen, Branchenerfahrung und Umsetzungserfolge. Von daher ziehen Firmen auf jeden Fall einen Vorteil daraus, wenn ein Interimer bereits vorher an anderer Stelle in der Branche tätig war. Die meisten Kunden nehmen in Kauf, dass der Interimsmanager Einblicke in die eigene Firma erhält. Eine Geheimhaltungsvereinbarung ist in den Verträgen übrigens Standard und schützt ausreichend. Und: Schon im Interesse der eigenen Reputation können es sich professionelle Interimer gar nicht erlauben, betriebliche Interna oder gar Geheimnisse von einer Firma zur anderen zu tragen.

Warum ist eine Vermittlungsplattform für diesen Markt überhaupt notwendig?

Wir wollen den Markt öffnen und transparenter machen. Unternehmen in Deutschland kennen bislang nur eine begrenzte Auswahl an Managern auf Zeit, weil die wenigen bekannten Vermittler nur über einen sehr begrenzten Experten-Pool verfügen. 80 Prozent der Interimer sind dagegen selbstständige Unternehmer, die sich bislang selbst vermarkten. Auf unserer Plattform können sich Interimer und Unternehmen anmelden, ein Algorithmus findet objektiv die am besten geeigneten Manager für ausgeschriebene Projekte. Der Algorithmus berücksichtigt nicht nur die fachliche, sondern auch die soziale Kompetenz wie Führungsstärke und persönliche Einstellung – und das in Echtzeit. Dadurch gelingt es, die wirklich geeigneten Kandidaten auszuwählen. Unser Anspruch ist es, Interimern einen besseren Marktzugang zu ermöglichen und die Erfolgsaussichten für Firmen zu verbessern.

Ist Interimsmanagement die Antwort auf demografischen Wandel und eine veränderte Arbeitswelt?

Durchaus. Wir bemerken den demografischen Knick in Europa. Interimer bieten hier intelligente Lösungsansätze, Projektarbeit nimmt auch deshalb auf breiter Front zu. Aber auch veränderte Berufsbilder aufgrund der Digitalisierung befördern diesen Trend, denn gerade Projekte in diesem Bereich dauern keine 20 Jahre mehr: Eine eCommerce-Strategie entwickeln oder die Customer Journey optimieren, das sind Dinge, die man zügig über zwei oder drei Jahre macht. Neben laufenden, operativen Aufgaben gibt es daher in vielen Firmen einen steigenden Anteil an Projektarbeit. Immer mehr Unternehmer sagen: Wir besetzen keine Positionen mehr, sondern Aufgaben.

Picture credits: TÜV Rheinland/Hanne Engwald