Der große Bluff

Regenwurm-Barrieren

Mit dem Market Access Service unterstützt TÜV Rheinland Unternehmen, die im Ausland verkaufen möchten. Uwe Halstenbach war lange dafür mitverantwortlich, dass Produkte alle technischen und regulatorischen Anforderungen der Zielländer erfüllen.

Herr Halstenbach, gibt es typische Marktbarrieren – sozusagen echte Klassiker?

Generell hat jedes Land für jede Branche und jedes Produkt ganz eigene, individuelle Zugangsbeschränkungen. Derzeit wird viel über den Handelskrieg gesprochen und natürlich zählen Importzölle zu den klassischen Hürden. Im Grunde stellen jedoch auch technische Barrieren Handelsbeschränkungen dar. Beispielsweise durch komplizierte Zulassungsverfahren, die mitunter nur im Zielland durchgeführt werden dürfen und dann im schlechtesten Fall sehr kosten- und zeitintensiv ausfallen. Das Problem dabei ist, dass ein Produkt erst entwickelt, getestet und dann hergestellt wird. Die Zulassung für ausländische Märkte wird oftmals erst ganz am Ende dieses Prozesses angegangen – wenn sich ein entsprechender Käufer gefunden hat. Ziehen sich dann Zulassungsverfahren für das Zielland in die Länge, kann das etwa bei vereinbarten Lieferterminen unangenehme Folgen haben. Hier können wir unter anderem durch unser weltweites Expertennetzwerk schnell Abhilfe schaffen.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

In Taiwan gab es vor ein paar Jahren plötzlich eine neue Vorschrift, nach der Batterien für spezielle Produkte lokal geprüft werden müssen. Wir haben daraufhin sehr schnell ein Labor aufgebaut, das für den lokalen Standard akkreditiert wurde. So konnten wir unsere Kunden dort zeitnah bedienen – denn nur mit einem eigenen Labor hat man Einfluss auf die Zeitspanne einer Prüfung. Das Gleiche haben wir auch in Indien gemacht. In vielen Fällen können wir Labore außerhalb des Landes von Regierungsstellen für die gewünschten lokalen Standards oder gar Zulassungsverfahren akkreditieren lassen. Das gilt etwa für bestimmte elektrische Produkte für den südafrikanischen Markt, die unter anderem in unseren japanischen Laboren nach dem relevanten lokalen Standard geprüft werden können.

Wenden sich auch verzweifelte Kunden an Sie? Diejenigen, die in Eigenregie an Marktbarrieren gescheitert sind?

Manche wenden sich an uns, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Heißt, das Schiff steht schon im Zielhafen, die Produkte schaffen es aber nicht durch den Zoll. In manchen Fällen können wir selbst dann noch mit unserem Netzwerk vor Ort helfen – wie beispielsweise einem Drohnenhersteller in Korea und einem IT-Hersteller in Indien. Anderenfalls muss die Ware lokal geprüft werden, mit ungewissem Ausgang und hohen Zolllagerkosten. Es sind aber nicht nur solche Feuerwehr-Aktionen. So versucht beispielsweise ein großer Lebensmittelhersteller seit Jahren, seine Pizza im Irak zu verkaufen. Denn das Land schreibt einen gewissen Proteingehalt vor, den die Pizzen knapp verfehlen. Wir haben inzwischen einen Antrag an die Regierung gestellt, um einen kundenspezifischen Standard zu erwirken. Das ist aber nur möglich, weil es im Irak ein Programm gibt, das solche Anträge gestattet.

Gibt es häufig solch knifflige, ja fast kuriose Marktbarrieren?

Natürlich. Zum Beispiel reicht es in der Regel aus, wenn Computer bei der Sicherheitsprüfung in der anspruchsvollsten Hardware-Konfiguration geprüft werden. In Indien aber muss ein Rechner diese Prüfung in allen erdenklichen Konfigurationen durchlaufen, was natürlich Zeit und Kosten verschlingt. Oder das Beispiel „kompostierbarer Kunststoff“. In Deutschland wird der Kunststoff auf einen Kompost gelegt. Hat er sich nach einer gewissen Zeit zersetzt, erfüllt er die Anforderungen. In Australien reicht das aber nicht. Hier werden im Nachgang noch die Regenwürmer im Kompost untersucht. Nur wenn die Population stabil ist, sind die Anforderungen erfüllt. Das ist typisch. Internationale Standards werden oft um regionale Besonderheiten ergänzt.

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