Der große Bluff

FAIRpflicht

Nachhaltig produziert – sowohl sozialer als auch ökologischer. Ein Aspekt, der bei Konsumenten eine immer größere Rolle spielt. Doch Unternehmen fällt es mitunter nicht leicht, eine nachhaltige Produktion zu gewährleisten. Selbst wenn sie es wollen. Grund sind meist die komplexen globalen Lieferketten.

Kurz vor der Jahrtausendwende initiierten die Vereinten Nationen den „Global Compact“ mit dem Ziel, möglichst viele Unternehmen für eine nachhaltigere Globalisierung zu gewinnen. Diejenigen, die diesen Pakt mit der UNO eingehen, verpflichten sich in allen Staaten, in denen sie tätig sind, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Umweltschutz und Korruptionsprävention zu fördern und einzuhalten. Ein Pakt über Minimalstandards, den im Jahr 2017 über 12.000 Mitglieder unterzeichnet hatten. Aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage lohnt es sich für Unternehmen schon aus rein wirtschaftlichen Gründen, der Unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung (Corporate Social Responsibility/CSR) im hohen Maße gerecht zu werden. Den globalen Lieferketten kommt auf diesem Wege eine immer größere Bedeutung zu.

Über 270 Zulieferer

Denn hier können die Stellschrauben besonders zahlreich sein. Schon bei der vermeintlich simplen Ware Kleidung wird das deutlich. So legt eine handelsübliche Jeans auf ihrem Produktionsweg im Schnitt rund 50.000 Kilometer zurück. Kinderarbeit und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen sind die Themen, die nicht nur der Textilindustrie immer wieder zur Last gelegt werden. Dabei könnten die Lieferketten dieser Branche in der Regel ethisch korrekt gestaltet werden, indem Unternehmen ihre Zulieferer sowie die Lieferanten dieser Zulieferer auditieren ließen und somit auch Transparenz für Kunden schaffen würden. Wesentlich komplizierter ist dieses Verfahren in der Elektronik-Branche. So besteht beispielsweise ein Smartphone aus Bauteilen von rund 270 Zulieferern, was es praktisch unmöglich macht, die komplette Lieferkette nachzuverfolgen. Das gilt vor allem für die Produktionsbedingungen der Seltenen Erden. Coltan – der Grundstoff für das in der Elektronikindustrie unverzichtbare Tantal – ist als Konfliktmaterial eingestuft, was vor allem in den unzähligen primitiven Minen im Kongo begründet ist. Kinderarbeit in gesundheitsschädlichem Umfeld ist dabei nur ein Kritikpunkt. So nutzen auch kongolesische Warlords die Einnahmen der Minen, um Waffen und Soldaten zu bezahlen, was die bürgerkriegsartigen Zustände in dem Land verschärft. Eine ethisch korrekte Lieferkette, ein fair produziertes Handy – bei der derzeitigen globalen Marktstruktur unmöglich. Hilfreich wäre ein radikaler Kurswechsel durch neue Lieferketten, befinden sich doch die größten bekannten Vorkommen Seltener Erden in China, Australien und Kanada.

China als Dreh- und Angelpunkt

Generell gibt es im produzierenden Gewerbe kaum eine Lieferkette, die nicht mindestens eine Station in China aufweist. Obwohl sich das Land hin zu einem Konsumentenmarkt wandelt, ist die Bezeichnung „Werkbank der Welt“ weiter zutreffend. In China produzierte Waren schwemmen auf den Weltmarkt, genießen bei den Konsumenten in den westlichen Nationen jedoch einen zweifelhaften Ruf, da der Anteil an billigen, aber qualitativ minderwertigen Produkten verhältnismäßig hoch ist. Mithilfe des Internets sollen nun Betriebe aus dem ganzen Land die Chance erhalten, als verlässliche Zulieferer für den Weltmarkt zu gelten. „Alibaba plant eine Plattform, auf der das Einstellen von Waren nur möglich ist, wenn entsprechende Zertifikate nachgewiesen werden können“, sagt Frank Holzmann, E-Commerce-Experte bei TÜV Rheinland. Ein weiterer Schritt, um Lieferketten transparenter und fairer gestalten zu können.

Picture credits:TÜV Rheinland/Werner Müller Gestaltung