Der Mensch ist unersetzlich

Mehr Zeit für Herz und Schmerz

Sören Platten im Interview.

Sören Platten leitet den Bereich virtuell betreutes wohnen bei Philips und sucht dort nach smarten Lösungen für den Pflegemarkt. Er sagt, dass Technik den Menschen zukünftig nicht ersetzt. Ganz im Gegenteil: Er glaubt, dass Sie für mehr Menschlichkeit sorgen wird.

Herr Platten, wo setzen Sie bei Ihrer Arbeit an?

Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass die menschliche Interaktion das Wichtigste in der Pflege bleibt. Wir glauben aber, dass man das Ganze noch technisch ergänzen kann.

Wie kann das aussehen?

Wir interpretieren Ambient Assisted Living (AAL) so, dass in erster Linie Informationen gewonnen werden, die helfen, dass Menschen länger zuhause leben können. Es gibt unzählige Modellprojekte und versuche. Beispielsweise Musterwohnungen, die mit allerlei Technik ausgestattet werden, um zu demonstrieren, was alles möglich ist. Das Ganze erfolgreich und skalierbar umzusetzen, ist aber bisher noch niemandem gelungen.

Was heißt das genau?

Ein Modell zu entwickeln, das von den Menschen auch akzeptiert wird. Wir möchten eine ganzheitliche Lösung schaffen. Bisher gibt es viele punktuelle Ansätze. Geräte, die jemanden bei bestimmten Dingen unterstützen. Wir möchten diese Ansätze so zusammenführen, dass eine pflegebedürftige Person durch das Zusammenspiel von Pflege und technischer Unterstützung definitiv nicht umziehen muss.

Philips hat unter anderem smarte Notrufsysteme mit Algorithmen entwickelt. Auch Geräte, die den Nutzer bei der Medikamenteneinnahme unterstützen. Das sind doch punktuelle Lösungen.

Ja. Wir möchten nun aber die Informationen unserer Geräte und Systeme gebündelt lokal zusammenlaufen lassen – wir nennen es Pflegebüro. Die Idee ist, wir statten bestehende Wohnungen mit diesen technischen Helfern aus und deren Informationen fließen nicht mehr dezentral in einem Callcenter, sondern in einem Pflegebüro vor Ort zusammen. Von diesem aus kann schnell und im besten Fall auch fußläufig ein Wohnblock oder Viertel versorgt werden. Dieses Büro steht natürlich auch Besuchern offen. Vielleicht sind die Personen, die dort arbeiten – wir nennen sie Kümmerer – sogar Bekannte. So gelingt es, mit technischen Hilfsmitteln eine persönliche Nähe herzustellen, die sonst nur im betreuten Wohnen oder im Pflegeheim gegeben ist.

In urbanen Gebieten mag diese Idee funktionieren. Doch sind es gerade die ländlichen Regionen, die zukünftig massiv altern. Wird dort nicht eines Tages die Technik, etwa Roboter, den Menschen in der Pflege ersetzen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Mensch immer im Mittelpunkt stehen wird – ortsunabhängig. Letztlich wünscht sich jeder menschliche Nähe und soziale Kontakte – das wird sich auch in 30 Jahren nicht geändert haben. Soziale Interaktion ist schon heute eine der wichtigsten Leistungen, die Pflegedienste erbringen. Technik wird dafür sorgen, dass mehr Zeit für Pflege durch den Menschen bleibt.

Auch auf dem Land?

Gerade dort, wo die Wege weit sind, werden technische Hilfsmittel extrem wichtig – allein für die Kommunikation. Und wenn in einem Pflegebüro alle Informationen einer Gemeinde zusammenlaufen, arbeiten die Pflegekräfte so effizient, dass ihnen mehr Zeit für und mit den Pflegebedürftigen bleibt. Beispielsweise würde die gesamte händische Pflegedokumentation entfallen. Die Technik würde das übernehmen. Dass in der Pflege ein Mensch zu einem anderen kommt, um sich um diesen zu kümmern – daran wird sich meiner Meinung nach nie etwas ändern.

Bildnachweis: Dirk Eisermann

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