Assistierte Selbstständigkeit

Aufruf zur (R)Evolution

Assistierte Selbstständigkeit

Das Internet of Things (IoT) – smarte, miteinander vernetzte Geräte – ist in privaten Haushalten vor allem in der Unterhaltung präsent. In wenigen Jahren wird IoT allgegenwärtig sein. Insbesondere das Ambient Assisted Living (Altersgerechte Assistenzsysteme) wird das Leben revolutionieren – vor allem das der älteren oder pflegebedürftigen Menschen.

Sensoren erkennen, wenn der Bewohner sein Zuhause verlässt. Automatisch werden alle Lichter gelöscht, die Heizung wird heruntergefahren und die Rollläden an den Fenstern werden herabgelassen. Diese Form des Ambient Assisted Living (AAL) – was im Kern bedeutet, dass smarte Geräte intuitiv und selbstständig assistieren – ist heute schon fast normal. Laut Marktforschungsunternehmen Gartner sollen bis zum Jahr 2022 in jedem typischen US-Haushalt rund 500 IoT-gesteuerte Geräte vorhanden sein, die die Bewohner im Alltag unterstützen. Ihre Leistungsfähigkeit und somit auch Effektivität wird in Windeseile steigen. So ist der Trendforscher Michael Carl überzeugt, dass Systeme und Geräte nach 2030 ohne eine Plattform auskommen, die sie programmiert und steuert. „Das tatsächlich Revolutionäre sind nicht die neuen IoT-Produkte, die wir uns heute teils gar nicht vorstellen können. Sondern die Art, wie sie kommunizieren“, sagt Günter Martin, IoT-Experte bei TÜV Rheinland. „Unbekannte Geräte werden sich einander vorstellen und miteinander arbeiten – so wie Menschen es auch tun.“

Kameras, Sensoren und Mikrofone

Rund 800.000 Menschen in Deutschland benutzen heute den Hausnotruf. Einen tragbaren Funkknopf, der im Ernstfall, wenn er betätigt wird, Hilfe herbeiruft. Tragbare Systeme, die Stürze automatisch erkennen und melden oder entsprechende Fall-Sensoren im Fußboden haben dieses System längst überholt – und sind ihrerseits schon nicht mehr auf dem neuesten Stand. So analysiert beispielsweise das Philips-System CareSage das Nutzerverhalten. „Wenn ein pflegebedürftiger Mensch beispielsweise plötzlich den Notrufknopf drückt, um lediglich zu prüfen, ob er wirklich funktioniert, kann das ein Zeichen dafür sein, dass sich der Gesundheitszustand verschlechtert hat. Es ist statistisch belegt, dass bei diesem veränderten Verhalten in der Folge die Sturzwahrscheinlichkeit tatsächlich steigt“, sagt Sören Platten vom Pflege-Kompetenzzentrum bei Philips. „Unser Algorithmus zeigt an, mit welcher statistischen Wahrscheinlichkeit es zu einem Sturz kommen wird und kann diese Informationen an einen Arzt oder Pflegedienst weitergeben.“ Ähnlich funktioniert das System Paul von Cibek, das unter anderem durch Kameras im Haus oder der Wohnung Bewegungsmuster erkennt und Abweichungen meldet. Kameras, Mikrofone und Sensoren werden im Zusammenspiel mit smarten Geräten zukünftig dafür sorgen, dass pflegebedürftige Menschen länger zuhause leben können. Sie erkennen kritische Situationen, messen die Körpertemperatur und analysieren die Gestik sowie das Verhalten. Automatisch werden die Assistenten wissen, was zu tun ist. Im Zweifel fragen sie einfach: Soll ich das Fenster öffnen? Geht es Ihnen gut? Sie sollten etwas trinken. Sie haben Ihre Blutdrucktabletten noch nicht genommen. „Derartige Fragen oder Empfehlungen durch technische Assistenten werden schon bald zum Alltag gehören“, sagt Günter Martin. Die Sprachsteuerung, die soziale Interaktion zwischen Nutzer und System, wird vorhandene Berührungsängste mit smarter Technik gänzlich abbauen – die vermeintlich komplizierte Steuerung und Bedienung der Systeme wären kein Problem mehr. Anrufe bei der Familie oder beim Arzt, eine Einkaufsbestellung, die Auswahl des TV-Programms – zuhause werden Wünsche einfach nur ausgesprochen und die Technik regelt den Rest.

Assistenz, die unter die Haut geht

Eine äußerst facettenreiche Entwicklung ist zu erwarten. Ein weiteres Beispiel: Es gibt bereits Blutzucker messende Sensoren auf dem Markt, die unter der Haut eingepflanzt werden. Ihren Blutzuckerspiegel lesen die Patienten – auf Wunsch auch der Arzt – in einer App, das Kontroll-Piksen bleibt ihnen somit erspart. Bald werden diese Sensoren auch die Pumpe steuern und dem Körper, wann immer es nötig ist, selbstständig Insulin verabreichen. Nach diesem Muster entstehen weitere Sensoren, die dem Träger bei Bedarf das exakt dosierte Arzneimittel zum richtigen Zeitpunkt verabreichen – beispielsweise bei der chronischen Schmerztherapie. Heutzutage können smarte Medikamentengeber in unterschiedlichsten Ausführungen diese Funktion übernehmen.

Groß ist zudem die Vielfalt der pflegegerechten, automatisierten Wohnungsausstattung. Von automatisch höhenverstellbaren Küchen und Regelsystemen bis hin zum Bett, das sich in einen Rollstuhl verwandelt. „Es gibt unzählige spannende Projekte. Doch sollte es nicht das Ziel sein, eine Wohnung mit Technik auszustatten, nur weil es möglich ist“, sagt Platten. „Wir sollten uns nicht an Möglichkeiten, sondern an der Problemstellung orientieren. Also: Welche Systeme helfen Pflegebedürftigen wirklich weiter und werden von ihnen auch akzeptiert?“

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