Schlaumachen!

Innovationsforscherin Marion Weissenberger-Eibl im Interview.

Die Innovationsforscherin Marion A. Weissenberger-Eibl über die Arbeitswelt der Zukunft und die Rolle digitaler Bildung.

Frau Weissenberger-Eibl, ist die Digitalisierung ein Jobkiller?

Eine Studie des Fraunhofer ISI zeigt, dass die Digitalisierung viele positive Effekte für den Arbeitsmarkt bietet: Jährlich holen zwischen 500 und 550 Unternehmen, die Digitalisierungstechnologien einsetzen, ihre ausgelagerten Produktionskapazitäten nach Deutschland zurück. Dies schafft neue Arbeitsplätze. Grundsätzlich gehen heute viele Experten eher davon aus, dass die Beschäftigung nicht abnimmt, sondern dass sich der Zuschnitt der Arbeit selbst stark verändern wird. Die klassische Festanstellung wird es in Zukunft immer weniger geben. An ihre Stelle treten für heute noch atypische Beschäftigungsmodelle wie Intrapreneurship, neue Arbeitsformen wie die Auslagerung traditionell interner Teilaufgaben an freiwillige Internetuser (Crowdsourcing). Das betrifft höher wie geringer Qualifizierte. Die Digitalisierung wird unser Wirtschaftssystem stark prägen. So könnten deutlich mehr Kleinstunternehmen in Deutschland als bisher entstehen, was die Wirtschaftsstruktur grundlegend verändern würde.

Werden wir mit Robotern konkurrieren?

Technische Agenten werden die Arbeitskräfte nicht ersetzen, sondern entlasten. So können die Menschen ihre Leistungsfähigkeit steigern. In Zukunft werden Roboter zum Standard, die sich frei bewegen können und adaptiv dem Menschen bei seiner Tätigkeit zur Hand gehen – zum Beispiel, wenn die Arbeit gefährlich ist oder wenn Bewegungen im Mikromaßstab nötig sind. Etwa in der Medizin, wo Nanoroboter im menschlichen Körper Medikamente verteilen. Das ermöglicht effizientere, aber auch völlig neue, attraktive Tätigkeiten, was wiederum Arbeitsplätze schafft – wie Studien bestätigen.

Welche Qualifikationen braucht die „Arbeitskraft 4.0“?

Bewährte Eigenschaften wie Neugierde, Zuverlässigkeit, Zielstrebigkeit und Eigenorganisation allein reichen nicht aus, um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft zu bestehen. Es wird immer wichtiger, seine Arbeitskraft selbst zu vermarkten, am besten online, um für Unternehmen interessant zu sein. Dazu müssen aber universale digitale Grundkompetenzen viel stärker als bisher vermittelt und auch ältere Arbeitnehmer auf die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt besser vorbereitet werden. In einer stark vernetzten Wirtschaft könnten Wertschöpfungsprozesse immer kleinteiliger und von Unternehmen flexibel an externe Dienstleister ausgelagert werden. Die Fähigkeit zur Vernetzung dürfte zukünftig für den beruflichen Erfolg mitentscheidend sein. Dies setzt grundlegende Digitalkompetenzen voraus, an denen es häufig noch mangelt.

Was also ist zu tun?

Der Schlüssel zum Erfolg ist Bildung. Hier müssen jetzt die Weichen richtig gestellt werden, damit die Menschen die Chancen der Digitalisierung aktiv gestalten und nutzen können – und die Arbeit der Zukunft Wohlfahrt schafft. Es ist wichtig, den digitalen Wandel nicht einfach geschehen zu lassen. Arbeitsweisen im Jahr 2030 könnten deutlich homogener sein als heute. Viele Tätigkeiten an der Mensch-Maschine-Schnittstelle könnten sich stärker ähneln, was über Branchen hinweg mehr fachunabhängige Fähigkeiten sowie digitale Grundkompetenzen nötig macht. Dies erfordert eine Anpassung der Bildung, die bisher stark auf Spezialisierung und Fachwissen ausgerichtet ist. Entscheidend ist, dass wir lernen, unsere Kreativität, Problem­lösungs-, Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit als zentrale Kompetenzen zu begreifen. Es gilt hier, einfach die sich bietenden Potenziale der Digitalisierung aktiv zu nutzen.

Wie können Unternehmen vorgehen?

Nicht zuletzt aufgrund des sich verstärkenden Fachkräftemangels sollten Unternehmen grundsätzlich ein Interesse daran haben, Mitarbeiter zu fördern, anstatt sich auf ein langwieriges und kostspieliges Fachkräfte-Recruiting einzulassen. Dazu sollten sie ihre eigenen Beschäftigten und insbesondere An- und Ungelernte sowie Facharbeiter durch spezielle Qualifizierungskonzepte fördern und in die digitale Zukunft „mitnehmen“. So ließe sich das bereits gesammelte und nicht zu unterschätzende Erfahrungs- und Anwenderwissen erhalten und ausbauen.

Bildnachweis: Franz Wamhof

Weitere interessante Artikel zu Themen wie Building Information Modeling, Lärm und ein Interview mit Lina van de Mars finden Sie in unserem Wissensmagazin kontakt 1.18 unter Publikationen.