Interaktion Mensch-Maschine

BeziehungsARBEIT

Interaktion Mensch-Maschine

Technik kann sprechen, handelt autonom und wird uns immer vertrauter. Doch Ist die neue Beziehung zwischen Mensch und Maschine Fluch oder Segen? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Wie wir die Möglichkeiten der smarten Welt nutzen, liegt allein in unserer Hand.

HAL 9000, der Bordcomputer des Raumschiffs „Discovery“ aus Stanley Kubricks Science-Fiction-Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ ist kein positives Beispiel für ein gelungenes Zusammenleben von Mensch und Maschine. HAL, wie ihn die Besatzung kumpelhaft nennt, ist zwar intelligent, fehlerlos, selbstbewusst, allgegenwärtig, emotional – aber leider auch tödlich. Mit seiner künstlichen Intelligenz soll HAL den Raumfahrern eigentlich eine sichere Reise zum Jupiter ermöglichen. Doch als er zunehmend eigensinnig handelt und die Besatzung ihn abschalten will, tötet HAL fast alle, um sich selbst zu retten. Der laut Kritikern beste Science-Fiction-Film aller Zeiten erschien vor genau 50 Jahren und das damals weit entfernte Jahr 2001 liegt nun bereits 17 Jahre zurück. Die Zukunft ist also längst Geschichte und wenig von dem, was der Film vorwegnahm, ist tatsächlich eingetreten. Davon, dass uns Computer mit künstlicher Intelligenz nach dem Leben trachten, kann jedenfalls keine Rede sein. Kubricks Film hat aber mit dafür gesorgt, dass Fortschritte bei Robotertechnik, künstlicher Intelligenz und Digitalisierung gleichermaßen Begeisterung wie Skepsis hervorrufen. Egal, ob es um die Automatisierung von Arbeit, um das autonome Fahren oder um den Einsatz von Pflegerobotern geht. Dahinter steckt stets die gleiche Frage: Welche Rolle sollen Maschinen in unserem Leben spielen?

Mitten im Wandel

Fakt ist: Unser Leben wird jeden Tag ein Stück weiter digitalisiert. Was und wie wir konsumieren, arbeiten und kommunizieren, verändert sich in rasender, oft schwindelerregender Geschwindigkeit. „Vor unseren Augen entsteht eine Welt, von der heute noch niemand weiß, was für eine Welt es sein wird“, schreibt der Philosoph und Autor Thomas Vašek im Buch „Digital Human“. „Wir stehen zu sehr mitten im Wandel, um dessen Tragweite wirklich zu begreifen.“ Wir schwärmen von den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz und fürchten die Diktatur der Algorithmen, die Menschen auf Datensätze reduziert. Wir sehen in der digitalen Revolution den Aufbruch zu mehr Freiheit und Kreativität und zugleich den Verlust von Arbeitsplätzen und die Allmacht von Netzkonzernen, die Kommunikation und Information kontrollieren. Die digitale Welt kann alles Mögliche sein, das macht sie so revolutionär, faszinierend, erfolgreich und beängstigend. Der Mensch steckt mittendrin, die Veränderungen, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, zu reflektieren und zu steuern. Dabei weicht in Politik und Gesellschaft die anfängliche Euphorie um innovative Anwendungen, Geschäftsideen und neue Möglichkeiten der alten Erkenntnis, dass technischer Fortschritt kein Selbstzweck ist. Auch für die Digitalisierung soll der Grundsatz gelten: Die Technik soll dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.

Jobkiller Digitalisierung?

Allerdings ist der Mensch bei manchen digitalen Prozessen bereits komplett außen vor. An der Börse handeln Algorithmen vollautomatisiert Milliarden-Euro-Werte im Millisekundentakt, in der Logistik steuern Computer den weltweiten Warenverkehr, in der Produktion sind Roboter dem Menschen an Präzision und Effizienz überlegen. Wenn Programme Programme steuern, ist der Mensch überflüssig. Das schürt Zukunftsängste. Doch wie viele Jobs der Digitalisierung tatsächlich zum Opfer fallen, ist umstritten. Einer Studie der Universität Oxford zufolge wird die Automatisierung von Prozessen in den USA bis 2030 rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze vernichten, vor allem in den Bereichen Finanzen, Verwaltung, Logistik, Spedition und Produktion. In Deutschland fallen, so der Technik-Branchenverband Bitkom, in den kommenden fünf Jahren rund 3,4 Millionen Stellen weg, weil Roboter und Algorithmen die Arbeit übernehmen. Bis 2030 könnten es 18 Millionen Jobs sein, das wäre dann fast jeder zweite Arbeitsplatz. Doch es gibt auch die positive Vision der Digitalisierung, die nicht in Existenzangst verharrt. „Es ist nicht zwangsläufig damit zu rechnen, dass Automatisierung und Digitalisierung zu großen Arbeitsplatzverlusten führen“, sagt Marion Weissenberger-Eibl, Innovationsforscherin am Karlsruher Institut für Technologie. In einer Studie mit 3.300 europäischen Unternehmen konnte Weissenberger-Eibl nachweisen, dass Betriebe mit Robotik-Systemen nicht weniger in Personal investieren. Vielmehr steigen Effizienz und Produktivität, was die Wettbewerbsfähigkeit erhöht und Investitionen fördert, was wiederum Arbeitsplätze schafft. Zudem spreche in Ländern wie den USA, Japan und Deutschland der Fachkräftemangel und demografische Wandel dagegen, dass Digitalisierung zum Jobkiller wird. Der Schlüssel, um möglichst viele Menschen auf dem Weg in die Gesellschaft 4.0 mitzunehmen, ist Bildung: Lebenslanges Lernen wird zum Normalfall, damit der Mensch mit der technischen Entwicklung und einem flexiblen, sich kontinuierlich ändernden Arbeitsmarkt Schritt halten kann.

Der Mensch entdeckt sich wieder

Dennoch werden auch gut ausgebildete Facharbeiter und Akademiker erleben, wie intelligente Computerprogramme ihre Arbeit schneller und besser erledigen. Das muss die Menschen nicht ängstigen, wenn sie sich auf ihre ureigenen Stärken besinnen. Zwar kann Technik vieles gleich gut und sogar besser als der Mensch. Aber eben nicht alles. Was ist das Einzigartige am Menschen, das ihn von der Maschine unterscheidet? Nimmt die Maschine dem Menschen standardisierte Arbeit ab, bleibt mehr Freiraum für komplexe, individuelle und kreative Tätigkeiten. „Trotz aller Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz und selbstlernenden Maschinen werden die Fähigkeiten zu Kreativität und sozialer Interaktion vorerst dem Menschen vorbehalten sein – hier kann ein Schwerpunkt der Beschäftigung im digitalen Zeitalter liegen“, sagt Marion Weissenberger-Eibl. Digitalisierung bietet die Möglichkeit, die Facetten, die den Menschen einzigartig machen, weiter auszuprägen: Intuition, Einfühlungsvermögen, Erfahrung und die Fähigkeit, kreativ mit Unvorhersehbarem umzugehen. Die Zukunft der Arbeit liegt daher etwa verstärkt in der Bildung, der Pflege, der Forschung und Entwicklung, der Kunst und Kultur. Ein Fokus auf diese Tätigkeiten kann der Lebensqualität und der Innovationsfähigkeit innerhalb einer Gesellschaft zugutekommen.

Monotone, schwere und gefährliche Arbeiten dürfen dann tumbe Maschinen übernehmen. So einfach könnte es sein. Gleichwohl entwickeln sich Maschinen zu intelligenten Partnern auf Augenhöhe. Dazu müssen sie kein menschliches Antlitz haben. ­Der Erfolg von sprach- und gestengesteuerten Systemen wie Amazons Echo und Google Assistant zeigt, wie menschenähnlich die Interaktion mit smarter Technik bereits ist. Die Vernetzung per „Alexa!“ und „Hey, Google!“ ist eine neue Evolutionsstufe in der Beziehung zwischen Mensch und Maschine, denn mit Sprache und Gestik kommen Emotionen ins Spiel. „Wir bauen schnell eine emotionale Bindung zu Robotern auf, wenn diese lebendig wirken, also physisch mit uns interagieren. Wir geben ihnen Namen, weisen ihnen ein Geschlecht zu. Das ist natürlich irrational, aber offenbar Teil unseres Wesens“, sagt die Roboterethikerin Kate Darling vom Massachusetts Institute of Technology. Kate Darling sieht diesen Effekt kritisch: „Die datensammelnden Maschinen in unseren Haushalten und Hosentaschen sind schlau genug, Verhalten und Meinungen zu manipulieren. Und Konzerne können die emotionale Abhängigkeit von einem Produkt ausnutzen.“ So helfen beispielsweise Überwachungskameras, Rauchmelder und Alarmanlagen bei der Kontrolle des Hauses, vom Raumklima bis zum Einbruchschutz, sammeln dabei aber auch viele private und intime Daten. Kate Darling plädiert neben einem aufgeklärten, bewussteren Umgang mit Technik für Gesetze, die smarten Robotern und ihren menschlichen Erbauern Grenzen aufzeigen, etwa beim Datenschutz. Jetzt ist die Zeit, darüber zu entscheiden, wie die Digitalisierung im Sinne des Menschen gestaltet werden kann. Wie es nicht laufen sollte, hat uns HAL 9000 ja bereits vor 50 Jahren im Kino vor Augen geführt.

Bildnachweis: North News & Pictures

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