Der große Bluff

Der große Bluff

Klassische Fahrzeuge sind Hobby für Liebhaber und eine beliebte Geldanlage. Seit einigen Jahren aber überschwemmen den lukrativen Oldtimer-Markt immer mehr Fälschungen. TÜV Rheinland hat den Betrügern den Kampf angesagt.

Wolfgang Beltracchi ist wohl der bekannteste Kunstfälscher Deutschlands. Er fertigte neue Bilder im Stil großer Künstler wie Max Ernst, Max Pechstein oder Henri Matisse an. Das Werk „Rotes Bild mit Pferden“, das der Fälscher als Werk von Heinrich Campendonk ausgab, verkaufte sich für 2,9 Millionen Euro. Mit Oldtimern hat Beltracchi wenig zu tun. Trotzdem kommt Sebastian Hoffmann, Leiter der Abteilung Classic Competence bei der TÜV Rheinland-Tochter FSP, oft auf ihn und Kunstfälschungen im Allgemeinen zu sprechen, wenn er seine Arbeit erklärt: Sein Geschäftspartner Fabian Ebrecht und er entlarven mit verschiedenen Techniken Oldtimer-Fälschungen. „Viele Methoden und Prozesse unseres Jobs erinnern an die Kunstszene“, erklärt der gelernte Fahrzeug-Restaurator Hoffmann. „Weil echte Oldtimer oft restauriert sind und damit ganz legal in ihre originale Struktur eingegriffen wurde, ist es wahnsinnig schwer, herauszufinden, ob es sich um Fälschungen handelt. Dazu muss man ganz tief ins Material schauen“, sagt er.

Um veränderte Fahrgestellnummern zu entlarven, hilft den Experten seit mehr als einem Jahr das magnetooptische Resonanzverfahren, das Hoffmann und sein Team als Erstes im Bereich Oldtimer angewendet haben. Jeder Eingriff in die Fahrgestellnummer – ob geschliffen, ausgeschnitten oder mit Zinn aufgefüllt – verändert das Blech. An der zu prüfenden Stelle erzeugen die Oldtimer-Experten mit dem magnetooptischen Resonanzverfahren ein starkes Magnetfeld, das tief in das Material eindringt und über ein Lesegerät auf dem Laptop die Struktur sichtbar macht. „So können wir Unregelmäßigkeiten im Materialgefüge erkennen, die auf Fälschungen hindeuten. Oder auch Veränderungen von eingeschlagenen Ziffern und Buchstaben im Metall sichtbar machen, beispielsweise wenn ein Fälscher aus der ursprünglichen Ziffer 6 eine 9 und aus der 4 eine 5 gemacht hat“, erklärt Hoffmann. Die technische Ausrüstung inklusive Laptop passt in einen kompakten, kleinen Koffer und ermöglicht so schnelle, umfangreiche und zerstörungsfreie Checks vor Ort. Auch Norbert Schroeder, Leiter Competence Center Classic Cars bei TÜV Rheinland, weiß um den wachsenden Markt der Oldtimer-Fälschungen. „Betrüger profitieren von den teilweise exorbitant hohen Werten der Oldtimer-Schätzchen und erzielen mit manipulierten Fahrzeugen schnelle Gewinne“, sagt er und ergänzt: „Nachahmungen sind so verbreitet, dass nahezu täglich neue Fälle in Deutschland auftauchen.“ Kriminelle verwandeln in Hightechwerkstätten beispielsweise ein 1973er Porsche-F-Modell (Typ T, E oder S) in einen seltenen Carrera ­ RS 2,7. Obwohl äußerlich identisch, sind ­Liebhaber bereit für diese Baureihen einen deutlich höheren Preis zu zahlen. So kann ein RS bis zu eine Million Euro wert sein. Immer häufiger sind Original-Kfz-Briefe solcher Topmodelle ohne Fahrzeug im Umlauf. Die Umbauer manipulieren die Fahrzeugidentitätsnummer des Autos und steigern so den Wert um ein Vielfaches. Auch komplette Nachbauten werden passend zu originalen Papieren angefertigt und sind auf einen Schlag zigtausend Euro wert. Ähnlich wie gefälschte Bilder tauchen klassische Fahrzeuge als Scheunenfund wieder auf und werden als lang verschollenes Original angepriesen.

Techniken aus der Forensik

Die ursprünglich aus der Kriminaltechnik stammende und für Waffen-Seriennummern genutzte Magnetresonanzmessung entdeckten Hoffmann und Ebrecht bei einer Firma in Lettland und wandten sie als Erste im Fahrzeugbereich an – mit Erfolg. Bauen Fälscher beispielsweise beim Porsche 911 ein Stück des Gepäckraumbodens mit der originalen Fahrzeugidentnummer eines RS in das Fahrzeug ein, stimmen Gravur und Schlagtiefe mit dem Original überein, und es wird schwerer nachzuweisen, dass es sich um eine Fälschung handelt. FSP setzt dann auch auf andere Methoden: Spektralanalysen zeigen, wie alt das Material ist, Röntgenstrahlen durchleuchten das Blech bis in die Peripherie und auch Messungen des Kohlenstoffanteils geben Rückschluss auf Veränderungen. Da Oldtimer als Anlage immer beliebter werden, rät der Experte jedem potenziellen Käufer, sein Wunschobjekt gründlich prüfen zu lassen. Denn Fälschungen können nicht nur an der Wand hängen, sondern auch in der Garage stehen.

Bildnachweis: TÜV Rheinland

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