Tierische Landflucht

Frank Backwinkler, Diplombiologe Stadt Heinsberg

Mehr und mehr Menschen zieht es in die Stadt – Wohnraum in urbanen Regionen ist gefragter denn je. Das Phänomen der Landflucht ist jedoch keines, das unserer Spezies allein vorbehalten ist. So fühlen sich auch mehr und mehr Tierarten in der Stadt heimisch. Einer der Gründe: Zerstörter Lebensraum auf dem Land.

Seitdem der Mensch sesshaft wurde, sind Tiere ihm gefolgt“, sagt Stadtbiologe Frank Backwinkler. Vorräte und Abfälle stellen für viele Arten bereits seit Jahrtausenden eine attraktive Nahrungsquelle dar. Vor allem die geschaffenen Wiesen und Felder boten vielen Tieren optimale Lebensbedingungen. „Die Intensivierung der Landwirtschaft hat diesen Vorgang jedoch umgekehrt. Monokulturen, die starke Überdüngung und hoher Gifteinsatz entziehen vielen Feldbewohnern die Lebensgrundlage“, sagt Backwinkler. Während die nahezu industrielle Landwirtschaft Lebensraum zerstört, ist in vielen Städten das Gegenteil der Fall. Junge Industriebrachen etwa sind für manche Feldtiere ein geeigneter Ersatz. Zudem wächst die Zahl der Bäume, Grünanlagen und Gärten – adäquate Biotope für zahlreiche Arten. Auch die vermeintliche Unwirtlichkeit der Städte, im Vergleich zur freien Natur, gereicht manchen Tieren zum Vorteil. „Wüsten und Hochgebirge werden schließlich auch besiedelt. Diejenigen, die mit den Bedingungen zurechtkommen, genießen große Vorteile: wenig Konkurrenz und kaum Feinde“, erklärt Backwinkler. Tauben beispielsweise waren ursprünglich in felsigen Landschaften zuhause. Die Häuserschluchten der Städte dienen ihnen schon lange als sicheres Ersatzgebirge mit üppigem Nahrungsangebot. Erst in jüngster Zeit ist ihnen mit dem Wanderfalken ein alter Feind in die Stadtzentren gefolgt. „Der Nahrungsreichtum lockt auch Wildschweine, Füchse, Elstern und Saatkrähen. Diese Tiere haben aber zudem durch ihre Erfahrungen gelernt, dass sie in der Stadt weit weniger intensiv gejagt werden. Sie fühlen sich dort geschützter“, nennt Backwinkler einen weiteren Grund für die Landflucht mancher Tiere und ergänzt: „Auch die höheren Temperaturen in den Städten spielen eine große Rolle. Sie sind beispielsweise ein Grund, warum die wärmeliebenden, exotischen Halsbandsittiche in mehr und mehr Städten Kolonien gründen.“

Wilde Nachbarschaft

Zerwühlte Vorgärten, Vogelkot und lautes Gekrächze – nicht jedem sind die tierischen Nachbarn willkommen. „Eingreifen muss man nur, wenn Arten im Übermaß auftreten, Schäden verursachen, eine Gefahr darstellen oder Krankheiten verbreiten. Hier ist aber maßvolles Handeln gefragt“, sagt Backwinkler. „Denn die meisten Arten sind sehr diskret und verursachen keine Probleme. Wilde Tiere in der Stadt sind eine große Chance: für naturentwöhnte Menschen vielleicht etwas befremdlich, für viele aber auch ein eindrucksvolles und entspannendes Naturerlebnis, für das man sonst weite Wege zurücklegen müsste.“

Bildnachweise: © Ralf Bille