Großer Aktionismus

Veranstaltungssicherheit - Großer Aktionismus

Sabine Funk ist Geschäftsführerin der IBIT GmbH und zählt zu den führenden Fachleuten für Veranstaltungssicherheit und Crowd Management in Deutschland. Seit 2007 berät sie Behörden und Veranstalter bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen.

Frau Funk, viele kleinere Vereine beklagen Hohe Kosten Für Gestiegene Sicherheitsanforderungen. Sie könnten sich gut geschultes Sicherheitspersonal kaum leisten.

Das muss man sicherlich differenziert betrachten, denn es fehlen Standards, was eigentlich geeignetes Personal ist: Es gibt keine formalen Anforderungen an einen Veranstaltungsleiter – theoretisch könnte das jeder machen. Jedem sollte aber klar sein: Das ist die Person, die etwa entscheidet, wann die Veranstaltung bei einem drohenden Unwetter abgebrochen werden muss. Das ist die Person, die Hauptansprechpartner für Feuerwehr und Polizei ist. Da ergibt sich ein gewisses Anforderungspotenzial von ganz alleine – diese Aufgaben kann beispielsweise der Karnevalspräsident am Elfertisch nicht adäquat wahrnehmen. Auch in puncto Sicherheits- und Ordnungsdienst sparen manche Veranstalter gerne und greifen auf Personal zurück, das im Schadensfall aufgrund fehlender Qualifikation womöglich die falschen Entscheidungen trifft. Veranstalter sollten sich sicher sein, dass sie im kleineren und größeren Ernstfall angemessen reagieren können. Sie sollten keinesfalls darauf bauen, dass schon alles gut gehen wird. Je besser jeder seine Hausaufgaben macht, desto besser können wir auch auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren.

Die Weltsicherheitslage erfordert neue Sicherheitsanforderungen. Welche Auswirkungen hat Terrorgefahr auf Veranstaltungen?

Wann immer tragische Ereignisse eintreten, beispielsweise bei der Loveparade in Duisburg oder den ersten Anschlägen in Paris, ist die Aufregung und der daraus resultierende Handlungsdruck natürlich groß. Was sich im Moment abspielt, ist in ähnlicher Weise auch nach der Loveparade geschehen. Erst einmal wird auf Dinge reagiert, die schon passiert sind. Strategische Planungen gibt es eher selten, stattdessen herrscht großer Aktionismus vor.

Können Sie das anhand eines Beispiels ausführen?

Ein Lkw wird in eine Menschenmenge gesteuert, also müssen überall Straßensperren her. Niemand, der sich mit dieser Thematik tiefgehend beschäftigt, glaubt, dass man mit einem Betonklotz der Problemlösung wirklich näher gekommen ist. Was nutzt dieser, wenn der Terrorist mit der Bombe im Fahrradkorb einfach daran vorbeifährt? Natürlich haben solche Absperrungen auch ihren Zweck, es wäre jedoch ein Fehler zu glauben, dass es damit getan wäre. Ich hoffe, dass wir nun mehr und mehr dazu kommen, über ganzheitliche Konzepte zu sprechen, so wie es auch nach der Loveparade 2010 letztlich der Fall war.

Wie kann das gelingen?

Zunächst sollten wir alle akzeptieren, dass Bedrohungslagen zu unserem Leben – und damit auch dem Veranstaltungsleben – dazugehören. Ich würde mir wünschen, dass wir über dieses Thema genauso normal und neutral diskutieren könnten, wie es beispielsweise bei der Notwendigkeit von Bühnenabsperrungen der Fall ist. Hysterie und Angst sind bei der Entwicklung von ganzheitlichen Konzepten nur fehl am Platz. Wir brauchen einen ruhigen Umgang. Was ist möglich? Was ergibt wirklich Sinn? Vor allem gilt es, Lösungen zu finden, die aufeinander abgestimmt sind. Ausgebildetes und geschultes Personal auf allen Seiten ist dabei ein notwendiger Baustein.

Bildnachweise: © Nicolas Ottersbach