On the road to zero

On the road to zero

Verunreinigtes Trinkwasser, Schadstoffe in der Luft – die massenhafte Billigproduktion von Textilien und Schuhen zerstört die Umwelt und schadet den Menschen. Die Textilindustrie hat reagiert und sich selbst eine Entgiftungskur auferlegt.

Entgiftet unsere Kleidung!“ forderte Greenpeace 2011 die Großen der Modebranche auf. Für ihren Report „Schmutzige Wäsche“ hatte die Nichtregierungsorganisation (NGO) die Belastung chinesischer Flüsse durch die Textilproduktion getestet und war zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: Chemiker konnten Azofarbstoffe, Schwermetalle und andere Schadstoffe mit gefährlichen Eigenschaften nachweisen. „Unter anderem wurden organische Chemikalien wie Nonylphenol und perfluorierte Substanzen festgestellt, die hormonell wirksam sind und sich in der Nahrungskette anreichern können“, heißt es in einer Pressemitteilung der Umweltorganisation. Was für Greenpeace den Startschuss zur großen „Detox“-Kampagne bedeutet, ist für die Branche eigentlich nichts Neues. Schon vor „Detox“ war die Industrie aktiv, um gerade beim Färben von Kleidung oder bei der Imprägnierung etwa von Jacken oder Schuhen Gefahrstoffe zu vermeiden. Doch jetzt werden Adidas, Nike, H&M und Edelmarken wie Victoria’s Secret medienwirksam an den Pranger gestellt. Die Branchenriesen verpflichten sich, bis 2020 gefährliche Chemikalien aus der Textil- oder Schuhherstellung zu eliminieren. Mittlerweile haben sich rund 80 Unternehmen verpflichtet, bei der „Detox“-Kampagne mitzumachen.

Alles aus einer Hand

Die Lieferkette der heutigen Modebranche ist ein verworrenes Netz an diversen Zulieferern wie Chemikalien-lieferanten, globalen Rohstofferzeugern, Entwicklern synthetischer Materialien, Textilfabriken, -färbern und -veredlern und eben den Herstellern. Für sie ist es eine Herkulesaufgabe, die gesamte Produktionskette bis zum Lieferanten des Rohmaterials offenzulegen. Mit seinem eigenen neuen „Detox“-Programm bietet TÜV Rheinland seit Juli 2016 hier eine ganzheitliche Lösung. Die TÜV Rheinland-Teams überprüfen sämtliche relevanten Schritte im Liefernetzwerk, in technischen Schulungen werden Mitarbeiter aufgeklärt, Audits über wachen anschließend die erreichten Verbesserungen. Und das international, da die Unternehmen auch in Entwicklungsländern tätig sind. Hersteller und Zulieferer erhalten so Unterstützung dabei, kritische Chemikalien vom Produktionsprozess auszuschließen. „Wir bieten unseren Kunden ein passendes Paket“, sagt Rakesh Vazirani, der das Projekt zusammen mit den globalen Teams von Hongkong aus leitet. „Von der Prüfung der Abwassersammlung und Rohstoffe bis zum Check des fertigen Produkts.“ Habe beispielsweise die Abwasserprüfung beim Kunden vor Ort schlechte Werte ergeben, werde es in der nächsten Schulung um mögliche Verbesserungen gehen. „Wir können lokal agieren und so unser Puzzleteil zum Gesamtbild beitragen“, erklärt Projektleiter Vazirani. In Vietnam mit seiner großen Textilindustrie etwa hat TÜV Rheinland bereits 20 Zulieferer entsprechend beraten, trainiert und getestet.

Weiterdenken gefragt

Zunehmend ins Visier der Umweltschützer gerät die Outdoor-Branche. Im Himalaya, in den Anden und im südsibirischen Altai-Gebirge wiesen Greenpeace-Mitarbeiter in Seen und im Schnee PFC nach – per- und polyfluorierte Chemikalien, die dazu verwendet werden, Hosen oder Jacken wasserabweisend und schmutzunempfindlich zu machen. Beim Menschen können diese Stoffe die Fruchtbarkeit und das Immunsystem schädigen und zu Schilddrüsenerkrankungen führen. Und sie sind extrem langlebig, schließlich sollen sie die Textilien imprägnieren. Selbst in der Luft von Outdoor-Geschäften findet Greenpeace PFC. „Das Problem geht nicht nur die produzierenden Länder, sondern auch die konsumierenden Staaten etwas an, das ist mittlerweile allen klar“, konstatiert Vazirani. Die Unternehmen müssten ihrer „Extended Producer Responsibility“ gerecht werden, meint der TÜV Rheinland-Experte. Es sei nicht nur wichtig, in der Herstellung „sauber“ zu bleiben, sondern auch soziale Ausbeutung zu verhindern und die Umwelt zu schonen. Die Textilindustrie müsse mittlerweile einen Schritt weiterdenken. Denn viele Kleidungsstücke sind äußerst günstig, einige Male getragen enden sie auf dem Müll oder werden in afrikanische oder südamerikanische Länder verschifft, wo sie entweder recycelt werden oder – wie der Großteil der Kleidung auf der Mülldeponie landen. Sie sind aber nicht biologisch abbaubar. „Diesem Problem werden wir uns gemeinsam mit unseren Kunden in Zukunft stellen müssen, Detox ist noch nicht der letzte Schritt in der Evolution“, sagt Vazirani.

Internationales Netzwerk

Für das „Detox“-Programm von TÜV Rheinland arbeiten seit Oktober 2015 die Geschäftsbereiche Systeme, Academy & Life Care sowie Produkte (Softlines) weltweit eng zusammen. Zurzeit sind rund 40 Mitarbeiter in Bangladesch, Vietnam, China, Mexiko, in der Türkei, in Italien, Indien und Deutschland involviert. Das bisher einzigartige Projekt soll nun nach und nach weiter ausgebaut werden. Und nicht nur das. TÜV Rheinland ist Mitglied der wichtigsten Gruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen und daran beteiligt, die künftigen Standards festzusetzen. So wird die erste weltweit einheitliche Richtlinie, nach der Abwasser künftig getestet werden soll, Ende 2016 erwartet, der Prüfstandard Anfang 2017. An beiden hat TÜV Rheinland mitgewirkt. „Wir sind also bestens vorbereitet“, sagt Vazirani. Eine notwendige Hilfe, denn Greenpeace wacht mit Argusaugen über die Industrie. Auf dem Online „Detox-Catwalk“ zeigt die NGO übersichtlich, welche Marke bereits einen Schritt weitergekommen ist und wer noch als „Greenwasher“ hinterherhinkt. Weitere Informationen finden Sie unter www.tuv.com/detox.

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Bildnachweis: GP0STPIS6 © Yudhi Mahatma / Greenpeace