Wie geht’s weiter?

Carola Kleinschmidt

Die Autorin und Trainerin Carola Kleinschmidt über Wege aus dem alltäglichen Wahnsinn.

Laut Weltgesundheitsorganisation wird im Jahr 2020 jede zweite Krankmeldung auf Stress zurückzuführen sein. Wird chronische Überforderung zur Normalität? Höchste Zeit, dass wir erst uns selbst und dann unsere Arbeitswelt neu justieren, fordert die Autorin und Trainerin Carola Kleinschmidt.

Frau Kleinschmidt, in ihrem Buch* stellen Sie fest: die heutige Arbeitswelt treibt Menschen in die seelische Erschöpfung. Was stresst uns so?

Hauptstressfaktoren sind zum einen der Job, zum anderen die hohen Ansprüche, die man an sich selbst stellt. Wer Herausforderungen nicht bewältigen kann, ständig getrieben ist, wenig Anerkennung erfährt, reagiert gestresst. Zuerst kann man Glück und Erfolg nicht mehr genießen – und viele werden irgendwann krank vom Dauerstress.

Stress, Burnout, Depression: Sind das Phänomene unserer Zeit?

Durch die Digitalisierung sind nicht nur ganze Branchen im Umbruch, unser bisheriges Verständnis von Arbeit steht infrage. Darin sehen manche Chancen für ihre persönliche Entwicklung, andere existenzielle Bedrohungen. Das ist nicht neu, solche großen Zäsuren gab es in der Geschichte immer wieder. Wer sich früher mit der Dampfmaschine, dem Fließband, der Mobilität konfrontiert sah, musste sich ebenfalls anpassen und reagierte sicher auch gestresst. Heute müssen wir uns mit der E-Mail-Flut und Kollege Roboter auseinandersetzen. Als Stressfaktor hinzugekommen ist der innere Drang, sich in Beruf, Familie und Hobby gleichermaßen selbst zu verwirklichen. Wir haben heute so viele Möglichkeiten, unser Privat- und Berufsleben zu gestalten, wie noch nie zuvor. Wir müssen erst lernen, mit der neuen Normalität umzugehen, ohne uns zu verausgaben.

Gibt es ein Patentrezept für ein stressfreieres Leben?

Jeder sollte zunächst eine innere Haltung dazu entwickeln, was er vom Leben erwartet. Was sind die Prioritäten? Was ist verzichtbar? Ist die Familie bereit, die Konsequenzen zu tragen? Im zweiten Schritt kann man versuchen, den Alltag der inneren Haltung anzupassen. Im Extremfall kann das bedeuten, die Arbeit zu wechseln. Mehr Aufklärung darüber, was stresst und wie man sich in gesunder Balance hält in Schulen, in der Studienberatung, in Jobcentern und karrierebegleitend in den Unternehmen –, das wäre gute Stressprävention. Ein Umdenken beginnt. Der Schutz vor psychischen Belastungen ist in Deutschland Teil des Arbeitsschutzgesetzes, in Schweden sind Stresserkrankungen anerkannte Berufskrankheit. Immer mehr Menschen reflektieren ihr Tun und pflegen bewusst die Balance zwischen Aktivität und Entspannung.

Flexzeit, Home-Office, Jobsharing: Tun Unternehmen nicht schon genug für die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter?

Innovative Arbeitsmethoden bringen nichts, wenn sie die Stressfaktoren lediglich vom beruflichen ins private Umfeld und umgekehrt verschieben. Das ist leider häufig der Fall. Heute ist es normal, die ganze Persönlichkeit in den Job einzubringen. Die Persönlichkeit als Motor der Arbeitskraft muss daher gepflegt werden. Führungskräfte sollten ihren Mitarbeitern Leitplanken aufstellen: Freiheit, Flexibilität, Selbstverantwortung zugestehen und zugleich Sicherheit und Unterstützung anbieten. Professionelle Personalentwicklung kostet Zeit und Geld – zahlt sich aber in Form besserer Arbeitsergebnisse sowie zufriedener und gesünderer Mitarbeiter aus.


*Hans-Peter Unger, Carola Kleinschmidt: „Bevor der Job krank macht: Wie uns die heutige Arbeitswelt in die seelische Erschöpfung treibt – und was man dagegen tun kann“.

Weitere interessante Artikel zu Themen wie Autonomes Fahren, Gamification und Markenschutz finden Sie in unserem Wissensmagazin kontakt 2.17 unter Publikationen.

Bildnachweise: © Beata Lange