Mal Konformist, mal Avantgarde

Stephan Grünewald

In unseren Seelen ringt der Wunsch nach Normalität mit der Sehnsucht nach Veränderung. Dieser Konflikt ist der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts, sagt der Psychologe, Marktforscher und Autor Stephan Grünewald*.

Was ist schon normal? Sich bei der Begrüßung die Hand zu geben? Vegan zu essen? Die Ehe für alle? Was normal ist und was nicht, verhandelt jeder für sich und jede Gesellschaft immer wieder neu. „Der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen. Er folgt allgemeingültigen Standards, um in seiner Gesellschaft funktionieren zu können, pflegt aber auch seine ganz individuelle, möglicherweise abweichende Normalität“, sagt Stephan Grünewald. Normal ist, was als gewohnt und selbstverständlich erachtet wird. Jede Gesellschaft gestalte ihren eigenen Normbereich, so Grünewald: „Liberale Gesellschaften haben einen weiteren Normalitätsbegriff als autoritärere, weil mehr Menschen Teilhabe an der Festlegung der Standards haben.“ Eine freie und sich sichere Gesellschaft lässt Veränderung zu, ein verunsicherte neigt eher zu Konformismus und Beständigkeit. „Dass beispielsweise in Deutschland, China, Saudi-Arabien ganz unterschiedliche politische und gesellschaftliche Systeme vorherrschen, zeigt, wie flexibel der Mensch in seiner Normenfindung ist“, so Stephan Grünewald. Gleichwohl braucht es übergeordnete Standards, etwa Gesetze und internationale Abkommen, um schnittstellenfähig zu sein. In einer freien Gesellschaft ist grundsätzlich Raum, die entwickelten Normen zu hinterfragen und zu verrücken. Normen sind daher niemals zementiert – sondern wir ringen unaufhörlich um die Frage, was normal ist.

Normen lösen Probleme

Standards sagen nur etwas über die momentane Verfasstheit einer Person oder Gesellschaft aus, aber wenig über deren Zukunft. Denn wie in der Technik und im Management versuchen auch persönliche und gesellschaftspolitische Standards Probleme zu lösen. Treiber können persönliche Krisen, Lebensmittelskandale, Umwelt- und Technikkatastrophen oder soziale Umwerfungen sein. Was einst Tabu war, wird heute diskutiert und schließlich neu bewertet. „Die Vorzeichen der Normalität können sich komplett umkehren“, sagt Grünewald. Ein Beispiel: Bis 1994 stand Homosexualität in Deutschland unter Strafe, heute gilt die Ehe für alle.


*Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschaftsführer des rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung in Köln. Der Diplom-Psychologe ist zudem Autor der Bestseller „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2003).

Weitere interessante Artikel zu Themen wie Autonomes Fahren, Gamification und Markenschutz finden Sie in unserem Wissensmagazin kontakt 2.17 unter Publikationen.

Bildnachweise: © TÜV Rheinland/ Hanne Engwald