Alles bleibt anders

NORMal - Alles bleibt anders

Jeder glaubt zu wissen, was normal ist – und scheitert doch an einer exakten Definition. Kein Wunder: Unser ganzes Denken, Entscheiden, Handeln fusst auf einem Normengeflecht aus Messwerten, Gewohnheiten, Vorschriften und Wünschen.

Wie hoch ist der Mont Blanc, der höchste Berg Europas, normalerweise? Die Franzosen behaupten: genau 4.808,45 Meter. Stände der Berg jedoch in Deutschland, wäre er 48 Zentimeter höher, in Belgien sogar 232 Zentimeter. Der Grund für die Abweichung: Länder haben unterschiedliche Standards, nach denen sie die „Höhe über Normalnull“ festlegen. Während etwa Frankreich, die Schweiz und Liechtenstein ihre Höhen am Pegel in Marseille orientieren, messen Belgier nach dem Pegel in Ostende und Deutschland anhand einer Metallplakette an der Neuen St.Alexander-Kirche in Wallenhorst bei Osnabrück.

Ist doch selbstverständlich!

Was als normal betrachtet wird und was nicht, ist für jedes Land, ja für jeden Menschen verschieden. „Das ist doch normal!“ – der Satz kommt leicht über die Lippen. Was Normalität eigentlich bedeutet, weiß aber kaum jemand zu definieren. Eine Erklärung lautet: Als normal gilt, was als gewohnt und selbstverständlich angesehen wird. Wie Selbstverständlichkeiten entstehen und warum wir sie brauchen, erklärt der Psychologe Stephan Grünewald im Gespräch (siehe auch Seite 10): „Eine Gesellschaft braucht so etwas wie Normalität, um zu funktionieren. Gemeinsinn kann sich aber nur in einem Zivilisierungsprozess entwickeln, in dem sich alle auf eine Art und Weise des Zusammenlebens verständigen.“ Die Einigung auf einen der individuellen Normalität übergeordneten Standard sichert die Schnittstellenfähigkeit. Und dies ist für den sozialen Umgang genauso wichtig wie für den erfolgreichen weltweiten Handel und die Verbreitung und Sicherheit technischer Entwicklungen. Das Deutsche Institut für Normung (DIN) erarbeitet bereits seit 1917 nationale Standards. Auch auf europäischer und internationaler Ebene definieren Normen Eigenschaften von Produkten, Managementsystemen und Dienstleistungen, sorgen für Qualität durch Effizienz, Gebrauchstauglichkeit und Kompatibilität, sie erleichtern den freien Warenverkehr, gewährleisten Verbraucher-, Arbeits- und Umweltschutz.

Normalität ist eine Momentaufnahme

TÜV Rheinland ist weltweit in vielen Gremien und Ausschüssen aktiv, in denen Normen und Standards diskutiert und festgelegt werden. Auf dem Weg zur Norm sind dabei viele Einflüsse und Positionen zu berücksichtigen und es können Jahre vergehen. Geht es etwa um die Standardisierung eines neuen Funkstandards, spielen unter anderem bestehende Standards, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Funktion und Sicherheit, die technische Machbarkeit und die Wünsche der Marktteilnehmer eine Rolle. „Die Norm und der Standard sind immer auch ein Kompromiss, der ein Problem temporär löst, durch seine Unvollkommenheit aber auch neue Probleme schafft und die Notwendigkeit zum Fortschritt bereits in sich trägt“, so Stephan Grünewald. In welche Richtung sich die Normalität entwickelt, vermag niemand vorherzusagen. Bei gesellschaftlichen Normen werden Veränderungen oft erst deutlich, wenn man von heute zehn oder zwanzig Jahre zurückblickt. „Wie stark die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert, hat zu den Anfangszeiten des Internets in den 1990er-Jahren wohl kaum jemand vorausgesehen. Gleichwohl müssen sich jeder Einzelne und die Gesellschaft auf die veränderten Rahmenbedingungen einstellen“, sagt die Autorin und Personal-Trainerin Carola Kleinschmidt (siehe Seite 14). Auch in der Wissenschaft und Technik ist die Veränderung normal. Immerhin gelten hier als Bezugspunkt die unumstößlichen Naturgesetze. So wandeln sich selbst scheinbar uralte Einheiten wie der Meter mit dem Fortschritt. 1799 wurde es durch das Urmeter aus Platin definiert, dessen Länge dem zehnmillionsten Teil der Entfernung vom Nordpol zum Äquator entsprach – eher ungenau gemessen mit den damaligen Mitteln. Seit 1983 gilt eine neue Normalität: Ein Meter ist die Strecke, die Licht im Vakuum binnen des 299.792.458. Teils einer Sekunde zurücklegt. Und auch dieser Wert kann sich – wenn auch nur geringfügig – wieder ändern, wenn eines Tages eine genauere Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit möglich ist. Will man die Sauberkeit der Luft bewerten, Grenzwerte für Schadstoffe in Kinderspielzeug festlegen oder die Hygiene in Schulkantinen prüfen, reichen Naturgesetze nicht aus. Hier gilt vielmehr: Man muss erst definieren, was normal ist, um das Außergewöhnliche zu bestimmen. Dazu kann etwa der Gesetzgeber dank immer neuer und feinerer Messmethoden Nulllinien und Grenzwerte festlegen. Ähnliches geschieht auch bei der Höhenbestimmung. Die Staaten Europas bemühen sich seit Jahren, das Wirrwarr der Bezugspunkte mit Satellitenunterstützung und mithilfe komplexer Rechenmodelle zu bereinigen und auf einen neuen genaueren Nenner zu bringen. Wie die „Höhe über Normalnull“ einst auch definiert wird, es kann dem Mont Blanc egal sein – er bleibt so oder so der höchste Gipfel Europas.

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Bildnachweise: © TÜV Rheinland AG/Thomas Ernsting