„Das ist schon was Großes“

Dr. Christoph Pohl, Leiter des Geschäftsbereichs Kerntechnik bei TÜV Rheinland Dr. Christoph Pohl, Leiter des Geschäftsbereichs Kerntechnik bei TÜV Rheinland Dr. Christoph Pohl, Leiter des Geschäftsbereichs Kerntechnik bei TÜV Rheinland

4 Fragen an: Dr. Christoph Pohl

Als Mitarbeiter im Geschäftsfeld Kerntechnik unterstützen Dr. Christoph Pohl und seine Kollegen aus dem Geschäftsfeld Strahlenschutz, dem Bereich Werkstoffprüfung (TWP) und dem Forschungszentrum Mol in Belgien mit ihren Projekten den Weg zu einem sicheren Betrieb der Versuchsreaktoren ITER und Wendelstein 7-X. Dabei leistet das Team viel Pionierarbeit.

ITER und Wendelstein 7-X sind die wichtigsten Anlagen zur Erforschung der Kernfusion in Europa. Was tut TÜV Rheinland dort genau?

Dr. Christoph Pohl: Wir haben ganz unterschiedliche Aufgaben. Beim ITER sind wir technischer Dienstleister für das internationale Betreiberkonsortium. Wir untersuchen das Material, das im Reaktorinneren mit dem Plasma bzw. den frei werdenden Neutronen in Berührung kommt. Wir schauen, wie es sich vor und nach dem Neutronenbeschuss verhält, vergleichen es mit unbestrahltem Referenzmaterial. So helfen wir bei der Materialauswahl und der Qualitätssicherung. Bei Wendelstein 7-X sind wir gutachterlicher Sachverständiger aufseiten der Genehmigungsbehörde, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern. Als solcher haben wir den Strahlenschutz für die Erteilung der Betriebsgenehmigung geprüft.

Kernfusionsreaktoren sind Labore – wie weisen Sie da Sicherheit nach?

Das ist ein wichtiges Problem. Viele der Bauteile und Aufbauten, die Anlagen als Ganzes sind schon einmalig und werden genau und nur für diesen Forschungszweck entwickelt und gebaut. Da leisten auch wir viel Pionierarbeit. Bei ITER sind wir Teil des Forschungsteams: Wenn wir Stoffe mit Neutronen beschießen, überprüfen wir, ob die theoretischen Vorhersagen zum Materialverhalten zutreffen. Dabei hilft, dass wir Materialbeständigkeit nur für diesen experimentellen Zweck nachweisen müssen. Das ist nicht mit einer Baumusterprüfung für ein Serienprodukt mit Marktzulassung zu vergleichen. Bei der Betriebsgenehmigung für Wendelstein 7-X haben wir einen ganz anderen Fokus. Wir prüfen nicht einzelne Teile, wir prüfen, ob die ganze Anlage aus Sicht des Strahlenschutzes sicher für Mensch und Umwelt ist. Da gibt es auch keine Kompromisse. Diese Randbedingungen stehen nicht im Fokus der Forscher, für uns als Gutachter der Genehmigungsbehörde aber schon. Da muss sich die Wissenschaft nach uns richten, nicht umgekehrt.

Gibt es Standards, auf die Sie sich berufen können?

Es gibt nationale und internationale Regelwerke für den Bau und Betrieb kerntechnischer Anlagen, an denen können wir uns punktuell orientieren. Beim Strahlenschutz ist hier vieles übertragbar, von den zulässigen Strahlendosen an Arbeitsplätzen bis hin zur Abwasserbehandlung. Bei der Kernfusion entstehen aber keine hochradioaktiven Transurane oder Spaltprodukte, anders als bei Kernkraftwerken. Wir wissen sehr genau, wie Mensch und Umwelt nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik zu schützen sind. Spezielle Regelwerke für Kernfusionsanlagen gibt es noch nicht – daran wird aber gearbeitet.

Wie ist es für Sie, an einer so zukunftsweisenden Technologie wie der Kernfusion mitzuwirken?

Das ist schon was Großes. Die Idee der Kernfusion klingt physikalisch erstmal einfach, ist in der technischen Umsetzung aber sehr komplex. Die Entwicklung dauert Jahrzehnte, bewegt sich Stück für Stück vorwärts, aber auch mal zurück und zur Seite. Sich immer neuen Herausforderungen stellen zu müssen, das befriedigt auch meinen Forschergeist. An den Reaktoren arbeiten zudem Menschen aus aller Welt, die Kernfusion ist ein internationales Projekt. Dass beim ITER etwa die Europäische Atomgemeinschaft, Japan, Russland, China, Südkorea, Indien und die USA eng zusammenarbeiten, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, ist schon eine tolle Sache.

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Bildnachweis: © TÜV Rheinland