Arbeitsschutz gestern und heute - Die Geschichte des Arbeitsschutzes in Deutschland

Heute wird von allen Unternehmen erwartet, dass sie den Themen Arbeitsschutz und Unfallverhütung einen hohen Stellenwert einräumen. Doch das war nicht immer so. Die Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert brachte eine neue gesellschaftliche Klasse hervor: Die Lohnarbeiter, die in den Fabriken unter katastrophalen Bedingungen arbeiten mussten. Auf sie und ihr Streben nach einer Verbesserung der Lebens- und Beschäftigungssituation geht der moderne Arbeits- und Gesundheitsschutz, wie wir in heute kennen, zurück.

Die Geschichte im Video

Zeitalter der industriellen Revolution (1815 – 1880)

Technische Entwicklungen, vor allem die Dampfmaschine und der automatische Webstuhl, verändern die Arbeitsbedingungen. Der Bergbau zur Kohlegewinnung wird immer wichtiger. In Fabriken fertigen Arbeiter Waren maschinell. Da für die Arbeitsabläufe keine besondere Ausbildung erforderlich ist, werden auch Kinder eingestellt.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Arbeiter sind katastrophal. Die Arbeit in den Fabriken ist gefährlich. Unfälle häufen sich. Wer bei der Arbeit verletzt wird, ist nicht abgesichert und verliert sein Einkommen.

Nur wenige Unternehmer sorgen z.B. mit einer Krankenversicherung, für ihre Beschäftigten. Ein generelles Verbot der Kinderarbeit und eine Beschränkung der Arbeitszeit werden im preußischen Parlament diskutiert.

1839 wird in Preußen die Kinderarbeit eingeschränkt. Das Regulativ verbietet Kinderarbeit bis zum neunten Lebensjahr. Bis zum 16. Lebensjahr wird die Arbeitszeit auf zehn Stunden pro Tag begrenzt.

Zwischen 1847 und 1853 werden örtliche Kommissionen errichtet, die den Auftrag erhalten den Schutz der Arbeitnehmer in den Fabriken zu überprüfen. Dies geschieht auf freiwilliger Basis. Im Laufe der Zeit werden diese durch vom Staat eingesetzten Fabrikinspektoren ersetzt.

In der preußischen Gewerbeordnung wird die Sonn- und Feiertagsarbeit untersagt.

1878 wird erstmals ein Paragraph eingeführt, der es den Inspektoren erlaubt in den Fabriken Revision einzulegen (Aufsichtsparagraph). Die Umsetzung allerdings ist mangelhaft.

Bismarcks Sozialgesetzgebung (1881-1889)

Nach dem Haftpflichtgesetz von 1871 muss ein unfallgeschädigter Arbeiter dem Arbeitgeber ein Verschulden nachweisen, um eine Entschädigung zu erhalten, was nur selten gelingt. Angesichts der unsicheren Arbeitsbedingungen und der häufigen Unfälle ist dies ein unhaltbarer Zustand.

Am 15. Juni 1883 verabschiedet der Reichstag das "Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter". Darin geregelt sind Krankengeld, ärztliche Behandlung, Krankenhaus, Sterbegeld und Mutterschaftshilfe.

Am 6. Juli 1884 verabschiedet der Reichstag das "Unfallversicherungsgesetz". Es regelt Unfallrente, Medizinische Heilbehandlung, Unfallverhütung. Träger der Unfallversicherung sind die neu gegründeten Berufsgenossenschaften. Die "kollektive Haftpflichtversicherung" der Unternehmer löst die private Haftpflicht des einzelnen Unternehmers ab.

Infolge der Einführung der gesetzlichen Unfallversicherung und der gesetzlichen Krankenversicherung wird der Ausbau der Bestimmungen zum Arbeitsschutz weiter vorangetrieben.

Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg (1890-1918)

1888 wird Wilhelm II. Kaiser. Er gerät in Konflikt mit Bismarck, da er den Arbeiterschutz weiter ausbauen will, während Bismarck dies aus wirtschaftlichen Bedenken ablehnt.

Vom 15. bis 28. März 1890 findet in Berlin eine internationale Arbeitsschutzkonferenz statt, an der 14 Staaten teilnehmen. Sie bringt zwar keine konkreten Ergebnisse, doch daraufhin legt der preußische Staatsrat die Ziele und Grenzen eines wirksamen Arbeiterschutzes fest.

Am 1. Juni 1891 wird das Arbeiterschutzgesetz verabschiedet: Sonntagsarbeit in der Industrie wird generell verboten und in Handel und Gewerbe auf maximal fünf Stunden begrenzt. Kinder unter 13 Jahren dürfen nicht mehr in Fabriken beschäftigt werden. Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nicht länger als 10 Stunden am Tag arbeiten, Frauen nicht länger als elf Stunden. Die Nachtarbeit für Frauen und Kinder unter 16 Jahren wird verboten.

Unfall- und Gesundheitsgefahren werden nicht länger als unvermeidlicher Preis des Fortschritts oder individuelles Verschulden betrachtet. Der Unternehmen wird in die Pflicht genommen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Für die Einhaltung der Schutzmaßnahmen sorgt eine staatliche Gewerbeaufsicht.

Während das bisherige Arbeitsschutzgesetz vor allem sozial geprägt war, verdeutlicht sich nun eine duale Form des Arbeitsschutzes. Das bedeutet, dass die Berufsgenossenschaften insbesondere auf die technischen Facetten des Arbeitsschutzes achten, während sich die 1891 ins Leben gerufene Gewerbeaufsicht auf die Bestimmungen zur Beschäftigung von Frauen, Kindern und Jugendlichen fokussiert.

Im ersten Weltkrieg werden die bisherigen Errungenschaften des Arbeitsschutzes weitestgehend ausgesetzt. Am 4. August 1914 wird der Arbeitsschutz für Kinder, Jugendliche und Frauen aufgehoben. Für Frauen und Jugendliche werden Doppelschichten mit zwölfstündiger Arbeitszeit eingeführt. Ebenso wird Sonntagsarbeit üblich. Die Lockerung der Gewerbeaufsicht vermindert den Unfall- und Gesundheitsschutz. Rohstoffmangel führt aber auch zu einigen Verbesserungen im Arbeitsschutz: In Bäckereien wird am 5. Januar 1915 das Nachtbackverbot eingeführt, am 12. Dezember 1916 die Ladenschlusszeit auf 19 Uhr festgesetzt.

Nach Ende des ersten Weltkriegs wird der Arbeitsschutz sofort wieder eingeführt und verschärft. So wurden ab 1919 in den Betrieben die ersten Unfallvertrauensmänner eingesetzt, wodurch der innerbetrieblich der Arbeitsschutz professionalisiert. 1920 setzten einige Großbetrieben aus eigenem Antrieb die ersten Sicherheitsingenieure ein.

Weimarer Republik (1918-1933)

Der Rat der Volksbeauftragten, der sich aus Mitgliedern der SPD und USPD (Unabhängige Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) zusammensetzt, führen den Achtstundentage ein und erfüllen damit eine alte Forderung der Arbeiterbewegung.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg (1933-1945)

Am 6. Mai 1933 wird die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gegründet, die die Gewerkschaften ersetzen. Hauptaufgabe der DAF ist die betriebliche Sozialpolitik. Unter dem Schlagwort "Schönheit der Arbeit" sorgt sie für Belüftung und Beleuchtung der Arbeitsplätze, baut Sportplätze und Kantinen und setzt sich für die Verbesserung des Mutterschutzes ein. Zugleich wird der Urlaub von drei auf sechs Tage im Jahr verlängert.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges werden erneut alle Richtlinien des Arbeitsschutzes aufgehoben, jedoch nach Kriegsende wieder eingeführt und stark reformiert.

Gründung der Bundesrepublik (1949)

Im Einklang mit dem Aufbau des deutschen Sozialstaates wurde sowohl der technische als auch der soziale Arbeitsschutz stetig weiterentwickelt, was seinen Niederschlag in einer ständig wachsenden Zahl von Gesetzen, Vorschriften, Richtlinien, technischen Anleitungen, Normen und Regeln fand.

Arbeitsschutz heute

Eines der wichtigsten Elemente des Arbeitsschutzes markiert bis heute das am 12. Dezember 1973 eingeführte und am 12. Dezember 1974 verabschiedete Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG). Betriebe sind von nun gesetzlich dazu verpflichtet, Betriebsärzte einzustellen und Fachkräfte für Arbeitssicherheit als Berater in die betriebliche Sicherheitsarbeit einzubeziehen.

Seit 1985 wird der deutsche Arbeitsschutz auch europäisch geregelt.

Am 7. August 1996 tritt das Arbeitsschutzgesetz in Kraft. Es regelt die Aufgaben des Arbeitgebers und Arbeitnehmers im deutschen Arbeitsschutz. Zentrales Instrument des Arbeitsschutzgesetzes ist die Gefährdungsbeurteilung.

Heute müssen Arbeitgeber dafür Sorge tragen, dass die Beschäftigten von Chemikalien, Krankheitserregern, Gefahrstoffen, Lärm, schweren Maschinen, technischen Arbeitsmitteln und anderen Gefahren, die sich aus der Arbeit ergeben können, zu schützen. Dabei wir der Arbeitsschutz bereits bei der Planung von Arbeitsplätzen im Rahmen der Prävention berücksichtigt. Zudem hat der Arbeitgeber seine Angestellten im Hinblick auf alle Sicherheitsmaßnahmen in seinem Betrieb zu unterweisen.

Seit September 2013 sind auch psychische Belastungen, die am Arbeitsplatz auftreten können, im Arbeitsschutzgesetz verankert. Sie müssen nun ebenfalls im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung beurteilt und bewertet werden.